Du wirst es mir später danken

Tatzelohrwurm ist heute spät aufgestanden und dann mit dem Fahrrad in die Innenstadt gefahren, um bei der französischen Patisserie-Kette Croissants und Brioches fürs Frühstück zu holen.

Die Kritische Katze hat in der Zwischenzeit alles zusammengesucht, was sie an Marmelade und Brotaufstrich finden konnte, einschließlich der selbstgemachten Haselnusscreme von der Mutter des Tatzelwurms und der selbstgemachten Erdnussbutter, die der Tatzelwurm vor kurzem hergestellt hat.

Als der Tatzelwurm wiederkommt, ist gerade der Kaffee fertig.

Schöne Grüße von Claudia Rüther!“, richtet der Tatzelwurm aus, nachdem er die Wohnungstür geschlossen und seinen Fahrradhelm an den Haken gehängt hat.

„Hat sie dir wieder im Treppenhaus aufgelauert?“, fragt die Katze und fühlt sich darin bestätigt, dass es eine weise Entscheidung gewesen ist, den Frühstückseinkauf dem Tatzelwurm zu überlassen und der Nachbarin aus dem dritten Stock nicht selbst in die Falle zu gehen.

„Schon vorher!“, antwortet der Tatzelwurm: „Sie hat den Weg zwischen der Haustür und den Fahrradständern gefegt.“

„Gibt es dafür etwa auch einen Putzplan?“, fragt die Katze und schenkt Kaffee in zwei Becher ein.

„Kommt bestimmt bald.“, meint der Tatzelwurm: „Jedenfalls hat sie mich zur Begrüßung gefragt, ob alles in Ordnung sei bei uns…“

„…und dazu ihre große Brille aufgesetzt und ihre Augen aufgerissen…“, setzt die Katze den Bericht fort, als sei sie dabei gewesen.

„Genau.“, bestätigt der Tatzelwurm: „Und dann wollte sie wissen, ob wir heute eine Vatertagstour machen.“

Die Katze schüttelt mit geschlossenen Augen den Kopf und atmet tief den Duft der frischen Croissants ein, der aus der Papiertüte entweicht.

„Ich habe kurz überlegt, ob ich Ja sagen soll.“, erzählt der Tatzelwurm weiter und setzt sich mit seinem Kaffee an den Esstisch: „Damit sie uns nicht Lupo aufs Auge drückt.“

„Und was hast du gesagt?“, erkundigt sich die Katze.

„Ich habe vielleicht gesagt.“, antwortet der Tatzelwurm und entdeckt die Bittere-Orangen-Marmelade, die er für sein Brioche gut gebrauchen kann: „Und dass wir gerne flexibel sind und das spontan entscheiden werden.“

„Pffff!“, macht die Katze abfällig: „Vatertagstour! Als ob! Dabei wäre Lupo derjenige, der noch am ehesten wirklich Vater ist! Jedenfalls muss der Tag erst noch kommen, an dem ich zu einem Saufgelage mit Bollerwagen aufbreche.“

„Das Wetter ist auch immer noch nicht besonders.“, gibt der Tatzelwurm zu bedenken: „Aber irgendwas muss man doch aus dem Feiertag machen!“

„Ist heute nicht das Fußball-Pokalfinale der Frauen?“, fragt die Katze rhetorisch.

Ausverkauft.“, wendet der Tatzelwurm ein: „Ich frage mich immer, was es mit dieser Zusammenlegung von Himmelfahrt, Vatertag und Männerausflug auf sich hat. Lässt du mir bitte mal die Erdbeeremarmelade zukommen?“

Die Katze schiebt das Marmeladenglas an wie einen Curlingstein und lässt es über den Tisch gleiten, bis es kurz vor dem Tatzelwurm zum Stillstand kommt.

„Wieso? Passt doch zeitlich gut zum Muttertag.“, findet die Katze: „Und bietet gleichzeitig eine gute Ausrede, um seine Famile an dem Tag nicht sehen zu müssen. Was die Frage aufwirft, was eigentlich einen guten Vater ausmacht.“

„Wenn er ein Vorbild ist.“, sagt der Tatzelwurm, ohne lange nachzudenken : „Und wenn man sich auf ihn verlassen kann.“

„Ist das alles?“, will die Katze wissen.

„Ja. Nein! … Ich weiß nicht…“, stammelt der Tatzelwurm: „Fürs Frühstück ist das aber eine schwierige Frage!“

„Ich halte also fest, dass deine Erwartungen an einen Vater eher unterambitioniert sind.“, fasst die Katze zusammen: „War dein eigener Vater so?“

„Wieso war?“, sagt der Tatzelwurm: „Mein Vater erfreut sich bester Gesundheit! Er kann immer noch ziemlich gut singen und ist wohl früher auch professionell aufgetreten. Unter Pseudonymen, versteht sich.“

„Versteht sich.“, nickt die Katze: „Zum Beispiel?“

„Eins war, glaube ich… hmmm… Franz von Reichen…burg?“, überlegt der Tatzelwurm und die Katze blinzelt interessiert.

„Und, hat er euch Kinder in Gesang unterrichtet?“, interviewt die Katze weiter.

„Worauf willst du eigentlich hinaus?“, fragt der Tatzelwurm: „Möchtest du rauskriegen, ob mein Vater ein guter Vater ist?“

„Dann hätte er versucht, sein Können an seine Kinder weiterzugeben, und von euch gefordert, dass ihr euch anstrengt.“, sagt die Katze.

Weiß ich nicht,“, überlegt der Tatzelwurm: „Ich hatte immer das Gefühl, dass er ganz interessant findet, dass wir alle vier unterschiedliche Stärken haben. Sogar die sonderbaren ökonomischen Interessen meines Bruders hat er immer unterstützt.“

„Indem er ihn auf gute Schulen geschickt und immer nach seinen Noten gefragt hat?“, vermutet die Katze.

„Ja, er…“ – der Tatzelwurm hält inne und betrachtet die Kritische Katze kopfschüttelnd: „Wenn du ein Vater wärst…“

Was denn?“, echauffiert sich die Katze: „Möchtest du insinuieren, dass ich kein guter Vater wäre?“

„Für kleine Spartaner:innen vielleicht.“, lenkt der Tatzelwurm lachend ein: „Mich würdest du wahnsinnig machen!“

Am frühen Nachmittag klappert die Katze in der Küchenzeile mit allen möglichen Gerätschaften herum und kommt irgendwann ins Zimmer des Tatzelwurms, wo Tatzelohrwurm mit seinem Laptop im Schneidersitz auf seinem Bett sitzt.

„Sag mal, weißt du, wo meine geschroteten Lupinensamen waren? Im Keller bei den Marmeladen deiner Mutter!“, berichtet sie und zeigt dabei rechtfertigend auf die antiquarische Ausgabe ihres Theophrastos, die sie in der linken Pfote hält, wobei sie einzelne Krallen als Lesezeichen verwendet.

„Die Lupinensamen, die du in meiner Kaffeemühle geschrotet hast?“, antwortet der Tatzelwurm mit hochgezogener Augenbraue: „Ich habe das Schraubglas da runtergebracht, weil es im Keller gleichbleibend kühl ist.“

„Hm, hm.“, macht die Katze zustimmend und will wieder gehen. Dann dreht sie sich nochmal um und sagt: „Gut mitgedacht!“

Der Tatzelwurm schüttelt den Kopf und tippt weiter in seinem Confluence-Lesetagebuch.

Nach einer Weile wird es ziemlich kühl, findet der Tatzelwurm und geht ins Wohn- und Esszimmer, das in der WG nur „Ohrwurmzimmer“ heißt. Die Kritische Katze steht in ihrer Jacke am weit geöffneten Fenster und fixiert ihre Schafgarbe, die in dem rechteckigen Terracotta-Kasten auf der Fensterbank steht. Die Pflanze sieht sehr licht und dünn aus und neben ihr steckt ein hölzernes Lineal in der Blumenerde.

„Woher das plötzliche Outdoor-Ambiente?“, möchte der Tatzelwurm wissen: „Es hat nur 15 Grad hier! Und warum sieht Schafi so … zurückgeschnitten aus?“

„Ein pädagogischer zweiter Frühlingsschnitt hat noch keiner Staude geschadet, die auf sich hält.“, entgegnet die Katze bestimmt: „Schafi wirkte ein wenig lustlos.“

„Aber es ist zu kalt.“, entscheidet der Tatzelwurm: „Ich schließe jetzt das Fenster.“

Untersteh dich!“, ruft die Katze entsetzt: „Du bist einfach falsch gekleidet. Wir müssen hier mal andere Saiten aufziehen! Draußen lebende Schafgarben müssen ja schließlich auch mit dem Wetter klarkommen.“

„Aber ich bin keine draußen lebende Schafgarbe!“, protestiert der Tatzelwurm: „Und es hat auch einen Grund, warum Drachen nicht im Freien leben…“

Baumdrachen…“, wirft die Katze ein.

„… jedenfalls die vernunftbegabten!“, schließt der Tatzelwurm und wirft sich dann seufzend eine Decke über: „Man könnte meinen, du willst Schafi auswildern.“

Die Katze zwinkert und hält eine Kralle vors Maul, als wolle sie: „Pssst“ sagen. Stattdessen sagt sie: „Vielleicht.“

„Dafür ist sie noch viel zu klein!“, plädiert der Tatzelwurm: „Außerdem würde ich bestimmt Kräuter pflanzen, wenn Schafi weg wäre.“

Nach einem zufriedenstellenden Blick in das entsetzte Gesicht der Katze kündigt der Tatzelwurm an: „Ich nehme den Kasten und du schließt das Fenster.“

Ich!“, ruft die Katze schnell: „Ich nehme den Kasten. Du übernimmst das Fenster.“

Als das Fenster wieder geschlossen ist, sagt die Katze vorwurfsvoll: „Du verhätschelst die Pflanze. Und das Schlimmste ist: Aus Bequemlichkeit! Dabei ist es so wichtig, die richtige innere Haltung zu vermitteln!“

„Dein Lineal steckt falsch herum.“, sagt der Tatzelwurm ruhig: „Die Skala zeigt zum Fenster; so kann man sie gar nicht lesen.“

„Es ist eine Zielerreichungslatte und sie ist richtig herum.“, antwortet die Katze selbstsicher: „Nicht ich muss sie sehen können!“

„HAA!“, macht der Tatzelwurm plötzlich und kann gerade noch seinen Kopf von der Katze wegdrehen. Dann niest er kräftig in Richtung des Fensters.

„Bist du wahnsinnig?“, schreit die Katze panisch: „Willst du Schafi umbringen?“

„Meinst du nicht, dass du gerade total durchdrehst?“, motzt der Tatzelwurm eingeschnappt: „Ich habe mich bestimmt erkältet. Die Staude ist vermutlich härter im Nehmen, als du denkst!“

„Ich sage dir eins!“, zetert die Katze: „Wenn Schafi jetzt krank wird…“

„Bodenstation an Airwolf!“, ruft der Tatzelwurm und hält dabei die Pranken trichterförmig vor sein Maul: „Es wird Zeit, den Helikopter zu verlassen.“

Die Katze sagt nichts, sondern nimmt ihren altgriechischen Botanikratgeber zur Hand und verschanzt sich dahinter am Esstisch, wobei sie den Platz in der Nähe der Fensterbank wählt.

Erst als der Tatzelwurm einen schnell aus Paprika, Babyspinat, Kichererbsen, getrockneten Tomaten und Sultaninen zusammengestellten Salat mit Käseraspeln auf den Tisch stellt, kommt sie hinter ihrem Buch hervor.

Als die Katze mit ihrer Gabel im Salat rührt, sagt sie halblaut: „Es ist nur so, dass so eine Topfplanze schon ein ziemlich abhängiges Wesen ist – wenn sich niemand um sie kümmert, hat sie keine Chance. Vielleicht wäre Auswildern wirklich das Beste für sie…“

Die Katze schaut ihre Schafgarbe eine Zeitlang an und kaut dabei beständig auf einem Bissen Salat herum. Dann räuspert sie sich und sagt: „Nun ja, solange sie hier ihre Wurzeln unter unsere Erde stellt, kommt sie besser nicht auf dumme Gedanken! Sie sollte wissen, dass hier jemand ein Auge auf sie hält.“ Die Katze räuspert sich nochmal und nimmt das Lineal aus dem Blumenkasten.

„Ich bin mir ganz sicher, dass ihr das absolut klar ist.“, sagt der Tatzelwurm.

Marillion: Be Hard On Yourself (live at Hammersmith, 27. 11. 2021)

Jahr2021
LandUK
GenreProg Rock
Aha-MomenteDer Tatzelwurm stutzt, als er es sich nach dem Essen auf der Couch gemütlich machen will: „Was sind das hier überall für Krümel? Ich bin auch ganz voll damit!“
„Vermutlich Blumenerde!“, glaubt die Katze: „Du musstest dich ja unbedingt in die gleiche Decke einwickeln, in die ich Schafi heute Mittag gewickelt hatte, während ich die Erde in ihrem Kasten ausgewechselt habe.“
„Ich… musste?“, stammelt der Tatzelwurm fassungslos: „Das heißt, dass ich jetzt die ganze Zeit unabsichtlich die alte Erde durch die Wohnung verteilt habe?“
„Kein Gejammer bitte!“, verlangt die Katze: „Steve ‚H‘ Hogarth, der Sänger unserer gemeinsamen Lieblingsband, feiert heute seinen 70. Geburtstag und jammert schließlich auch nicht! Reiß dich mal zusammen und lass mal ein wenig Partylaune aufkommen, bevor alles zu spät ist!“
Hookline / Ohrwurm-Moment„Wow! Schon wieder so ein hypnotischer Sog!“, schwärmt der Tatzelwurm, als die letzten Töne verklingen: „Man hat das Gefühl, dass Marillion nur noch Songs machen, in denen Steve Rothery mit seiner Gitarre nach Gutdünken Spaß haben kann.“
„Das ist doch die Definition der H-Ära!“, greift die Katze auf: „Alle fünf Mitglieder machen nur, was ihnen Spaß macht, und so entstehen die Songs.“
„Wenn H gegen Ende singt: We haven’t got long to the end of the song, ist das dann eine beruhigende Nachricht an die anwesenden Nicht-Fans im Publikum, denen die Songs alle zu lang sind, oder eine beunruhigende Metapher?“, grübelt der Tatzelwurm.
„Kann mir schon vorstellen, dass H das lustig findet.“, sagt die Katze: „Aber nie ironisch! H ist immer nett, aber nie ironisch. Deshalb ist der väterliche Tonfall im Song auch keine politische Persiflage, sondern wirklich dringlich gemeint.“
„Und dabei soviel Kontrolle in der Stimme!“, schwärmt der Tatzelwurm.
„Kontrolle ist besser!“, lehrt die Katze.
Visuelle Highlights„Für mich ist das ausdrucksvolle Gesicht von H immer der totale Blickfang. So charismatisch!“, sagt der Tatzelwurm begeistert.
„Für mich ist es seine Hemdauswahl.“, ätzt die Katze ironisch: „Zum Glück ist er überzeugter Sakkoträger!“

Cream: Sunshine of your Love (live in der Royal Albert Hall, 26. 11. 1968)

Jahr1968
LandUK
GenrePsychedelic Hard Rock
Aha-Momente„Das ist Soulfood für meine Ohren!“, ruft die Katze verzückt: „Cream haben den Blues Rock transzendiert, bevor es seine erfolgreichsten Vertreter überhaupt gab!“
„Wieviel Lupinenschrot hast du geschnupft?“, möchte der Tatzelwurm wissen.
Hookline / Ohrwurm-Moment„Ich finde, der Titel und der Text klingen, als wäre der Song aus der Sicht einer Pflanze geschrieben.“, überlegt der Tatzelwurm.
„Kann gut sein!“, antwortet die Katze: „Jedenfalls würden Pflanzen dieses Killerbassriff definitiv spüren und bestimmt innerlich dazu tanzen.“
Visuelle HighlightsJack Bruce wäre heute 83 geworden.“, sagt der Tatzelwurm: „Ich finde, er sieht hier ziemlich glücklich aus.“
Erleichtert.“, präzisiert die Katze: „Er muss jetzt nicht mehr miterleben, wie Baker und Clapton sich gegenseitig umzubringen versuchen!“

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