Tatzelohrwurm steht vor dem Spiegel und versucht zu entscheiden, was er anziehen soll. „Ist das Tour-Tee von Nemo besser oder das Paillettenoutfit?“, ruft er laut in Richtung des Wohnzimmers.
„Das Paillettending sieht aus wie ein Kettenhemd!“, ruft die Kritische Katze von dort: „Was steht auf dem Nemo-Shirt?“
„Eurostar – and you know what fucking for!“, liest der Tatzelwurm vor.
„Perfekt! Nimm das!“, entscheidet die Katze.
„Wie sehen die Pizzaschnecken im Ofen aus?“, schreit der Tatzelwurm, während er sich aus dem rasselnden Paillettenoutfit schält, das er gerne angezogen hätte.
„Wie eine Ammonitenphalanx unter Ork-Beschuss!“, antwortet die Katze.
„Farblich!“, präzisiert der Tatzelwurm ungeduldig.
„Endotherm – noch!“, ruft die Katze fröhlich: „Knusprig. Ich mache den Ofen aus. Wann gehen wir?“
„Jetzt gleich.“, entscheidet der Tatzelwurm: „Ich habe Hunger und die Show beginnt in einer Stunde.“
Der Tatzelwurm läuft in die Küchenzeile, wo die Katze gerade die heißen Pizzaschnecken in einen Korb füllt. Vor ihr steht eine große Transportbox, in der sich die Pizzaschnecken der vorherigen Backvorgänge befinden.
„Was Trent wohl gekocht hat?“, fragt sich die Katze.
Die Katze trägt ein schwarzes Oberteil mit kleinen weißen Polkadots, das einen weiten weißen Spitzenkragen und weiße Spitzenmanschetten an den langen Ärmeln hat. Auf dem Kopf trägt sie einen blauen Hut, auf dem eine Satellitenschüssel aus Filz angebracht ist.
„Perfekt!“, kommentiert der Tatzelwurm.
„Findest du?“, kokettiert die Katze.
„Total übertrieben, völlig bekloppt und gleichzeitig patriotisch – das perfekte ESC-Outfit!“, lobt der Tatzelwurm.
„Verrückt, dass wir noch nie wirklich in Trents Wohnung gewesen sind, oder?“, wundert sich der Tatzelwurm.
„Meinst du denn, dass er … noch andere Leute eingeladen hat?“, fragt die Katze besorgt.
Dann betrachtet sie ihre Schafgarbe, die in einem Blumenkübel auf der Fensterbank des einzigen Fassadenfensters im Zimmer steht. „Ich lasse Schafi ja gar nicht mehr gerne allein…“, sagt sie zögerlich.
„Ich glaube nicht, dass Schafi irgendetwas Dämliches tut, während wir weg sind.“, sagt der Tatzelwurm: „Sie ist ja schon groß und vernünftig. Los, auf geht’s, bevor uns noch bessere Ausflüchte einfallen!“
Fünf Minuten später stehen die Katze und der Tatzelwurm drei Stockwerke tiefer vor Trents Wohnungstür. Die Katze klopft, weil sie weiß, dass Trent eine unerklärliche Abneigung gegen das summende Geräusch seiner Klingel empfindet. Sie findet selbst, dass die brummende Klingel an Trents Tür klingt wie eine eingesperrte Hornisse.
Trent öffnet sofort. Er trägt eine weiße Schlaghose mit blumenbestickten Hosenbeinen und eine luftige pinke Bluse. Seine Haare hat er zu seitlichen Pigtails gebunden.
„Ach, ihr seid‘s!“, ruft Trent: „Ich dachte kurz, es sei Claudia.“
Die Katze bleibt wie angewurzelt stehen.
„Spaß!“, beschwichtigt Trent und freut sich sichtbar über seinen gelungenen Streich: „Nein, wirklich! Kommt rein!“
Der Tatzelwurm umarmt Trent mit seinem freien Arm und schlendert dann an ihm vorbei, während die Katze späht, als würde sie nach verborgenen Fallen suchen und Trent erst dann High Five gibt.
„Ohmeingott, K.!“, ruft Trent begeistert und lässt seinen Blick über das Outfit der Kritischen Katze schweifen: „Satellite und Nicole! Krass! Komm rein!“
Trents Wohnung ist größer als die WG im vierten Stock, denn von der Diele gehen nicht nur zwei, sondern drei Türen zu anderen Räumen ab. Doch wie in der WG ist die Tür zum Wohnzimmer die erste auf der rechten Seite, von der Wohnungstür aus gesehen. Die Diele selbst ist mit weiß gestrichenem Glattvlies tapeziert und ein paar wenigen Bildern dekoriert. Die Katze kann rechterhand eine gerahmte Tuschezeichnung von Roger Leloup erkennen, wird aber von Trent freundlich ins Wohnzimmer geleitet, bevor sie entscheiden kann, ob es sich dabei um ein Original handelt.
In Trents Wohnzimmer gibt es keine Couch – das fällt dem Tatzelwurm und der Katze als erstes auf – noch vor der großen Werkbank, die fast die ganze andere Hälfte des Raumes belegt, wo ansonsten nur Bücherregale mit Comics stehen.
Anstelle einer Couch gibt es zwei rote „Strandmon“-Sessel von IKEA, die auf den 86-Zoll-Bildschirm an der Wand ausgerichtet sind. Zwischen den beiden Sesseln steht ein solide wirkender Chabudai aus rotbraunem Holz, hinter dem drei schwarze Sitzkissen liegen. Wie in der WG ist der Boden mit Parkett belegt.
„Schön hast du es hier!“, stellt der Tatzelwurm fest und bleibt in der Mitte des Raums stehen.
„Wohin können wir denn unseren Knabberbeitrag stellen?“, erkundigt sich die Katze in dem Tonfall, den sie für ihren unternehmungslustigen hält, und nimmt aus der Entfernung das Soundsystem in Augenschein, das über einen schwarzen Kabelkanal mit dem Bildschirm verbunden ist.
Die Wand, an der der Bildschirm befestigt ist, ist durch schwarze Linien in rechteckige Flächen unterteilt, die fast alle weiß oder schwarz sind. Es gibt nur wenige, sehr kleine farbige Flächen. Die Katze fühlt sich sofort an ein Gemälde von Mondrian erinnert.Der Bildschirm würde die größte schwarze Fläche bilden, wenn er nicht bereits eingeschaltet wäre, so dass er nun die ESC-Preshow zeigt. Die Katze bemerkt, dass der schwarze Kabelkanal genau auf einer der schwarzen Linien verläuft und nirgendwo sonst Kabel zu sehen sind.
„Achso, stellt euer Zeug doch einfach da zum übrigen Kram!“, sagt Trent und deutet auf den Chabudai.
Auf dem kleinen Tisch stehen drei große Sortimentpackungen mit Knabbereien aus dem Supermarkt.
Die Katze schaut hilfesuchend zum Tatzelwurm, als müsse der sie dabei unterstützen, einen Irrtum aufzuklären.
Der Tatzelwurm schaut sich aber weiterhin fröhlich im Wohnzimmer um und sagt, als er den Blick der Katze bemerkt: „Hast du eine Platte oder eine große Schüssel, Trent? Dann legen wir die warmen Pizzaschnecken dort hinein. Die Box mit den übrigen kann ich vielleicht in die Küche bringen. Hübsch übrigens, die Panel-Struktur an der Wand! Selbst designed?“
„Ja – und gute Idee! Ich hole eine Schale.“, sagt Trent beflissen: Mögt ihr eine Chai Latte?“
„Was für eine Frage!“, sagt die Katze ironisch, aber erleichtert und trabt hinter Trent her in die Küche, die sich in einem eigenen Raum nebenan befindet.
Die Küche ist beeindruckend geräumig und hat sogar ein Fenster zur Straße hinaus.
„Und eine Kochinsel!“ quietscht die Katze und befürchtet, von den vielen Eindrücken in Trents Küche das Stendhal-Syndrom zu erleiden.
„Ich weiß , oder?“, freut sich Trent: „Das ist total praktisch, wenn man an mehr als zwei Töpfe oder Pfannen rankommen muss.“
Trent greift nach einer Flasche auf einen schwebend angebrachten Wandregal und stellt sie zusammen mit drei großen Kaffeebechern auf die lange Arbeitsfläche.
„Was… ist das?“, fragt die Katze etwas atemlos, obwohl sie längst das Etikett der Flasche gelesen hat: Es ist eine fertige Chai-Mischung eines französischen Sirupherstellers. Die Beschriftung des Etiketts hebt hervor, dass die Mischung aus grünem Tee hergestellt wurde.
Die Katze holt schnell etwas aus ihrem Korb und preist es an: „Riech doch mal! Ich habe frische Kardamomkapseln mitgebracht, weil ich nicht wusste, ob du noch genug hast – die sind ja bei uns ständig alle!“
„Das ist lieb von dir, K.!“, sagt Trent: „Aber die Show geht doch jeden Moment los und wir haben die perfekte professionell zubereitete Mischung hier! Ich muss nur noch schnell Milch warm machen und aufschäumen.“
„Ach, weißt du, Trent: ich hatte heute schon so viel Chai Latte.“, fällt der Katze plötzlich ein: „Kann ich bitte einfach einen Kaffee oder ein Wasser haben?“
„Klar.“, sagt Trent verwundert: „Dann frage ich mal kurz nach, ob T. bei Chai Latte bleibt,“
Mit einer großen Glasschüssel in der einen Hand und der Chai-Mischung in der anderen läuft Trent ins Wohnzimmer.
Die Katze nutzt die Gelegenheit, um einen Blick in den Kühlschrank zu werfen, der über einen Eiswürfelspender verfügt. Als erstes fallen ihr im Inneren die Gläser mit Fertigpesto auf und sie schließt die Türe schnell wieder, als könnten die Pesto-Gläser sonst entkommen.
Trent kommt zurück und wirft der Katze einen besorgten Blick zu.
„Was ist los, K.? Geht’s dir nicht gut?“, fragt Trent.
„Doch, doch!“, sagt die Katze schnell: „Ich habe nur die Kaffeebohnen gesucht – ich kann ja schon mal mahlen.“
„Mach dir nicht so viel Arbeit, K.!“, sagt Trent beruhigend und holt eine Packung Kaffeepulver aus einem Schrank: „Setz dich doch ruhig auch schon mal vor den Fernseher – ich bringe gleich alles.“
Als die Katze mit niedergeschlagener Miene zurück ins Wohnzimmer geschlurft kommt, sitzt der Tatzelwurm mit einem kleinen Stapel Aliens-Comics in einem der Sessel und nippt an einem Sektglas.
„Trent hatte ganz vergessen, dass er eigentlich einen Sekt zur Begrüßung in den Kühler gestellt hatte.“, plaudert der Tatzelwurm: „Ich habe ihn aber entdeckt und Trent hat dir auch ein Glas auf den Tisch gestellt.“
„Schlumberger.“, stellt die Katze zufrieden fest: „Bei Alkohol ist auf Trent Verlass.“
Kaum hat die Katze ihr Glas in der Hand, brummt plötzlich aggressiv die Wohnungstür-Hornisse und die Katze fährt zusammen vor Schreck.
„Erwartest du noch jemanden, Trent?“, ruft der Tatzelwurm.
„Nein!“, ruft Trent aus der Küche zurück: „Macht ihr bitte mal auf?“
Weil der Tatzelwurm keine Anstalten macht aufzustehen, geht die Katze zögerlich zur Tür.
Draußen ist die junge Frau aus dem zweiten Stock, die der Kritischen Katze bislang nur vom Sehen bekannt ist. Die Frau grinst breit, als die Katze öffnet und ergreift sofort die Initiative: „Hallo, wir kennen uns noch nicht – ich bin Fatima. Anas und ich wohnen ein Stockwerk über Trent. Oh, das ist aber lieb zum Kennenlernen!“
Fatima nimmt das Sektglas aus der Pfote der Katze und trinkt es zu deren Überraschung in einem Zug aus.
„Habt ihr eine ESC-Party? Wir schauen das gleich auch, ob es Anas passt oder nicht!“, fährt Fatima fort: „Es ist mir ja so unangenehm, aber ich muss Trent leider schon wieder um vier Eier bitten, falls er welche hat. Ich komme gerade vom Schichtdienst. Sonst muss ich Anas noch einkaufen schicken.“ Sie macht mit großen Augen einen Welpenblick und neigt den Kopf zur Seite.
Bevor die Katze antworten kann, kommt Trent mit einem großen Tablett aus der Küche, auf dem zwei dampfend heiße Kaffeebecher und drei Schüsseln unterschiedlicher Größe stehen. Außerdem hat er eine Schachtel mit Eiern darauf: „Kannst du mir bitte kurz helfen, K.? Ich habe das irgendwie blöd gegriffen.“
Die Katze nimmt Trent das Tablett ab, überlässt ihm die Eier, nickt Fatima freundlich zu und trägt das Tablett ins Wohnzimmer. Hinter sich hört sie noch die Stimmen von Fatima und Trent.
„Ciao, Kay! Bis bald! Aber, Trent! Das sind ja zehn! Ich brauche doch nur vier!“
„Aber du bist keine Jongleurin, oder? Also nimm bitte einfach die ganze Packung!“
Die Katze ärgert sich so sehr über ihre eigene ungewöhnliche Passivität gegenüber Fatima, dass sie erst bemerkt, was Trent in der Küche gemacht hat, als sie die Schüsseln im Wohnzimmer auf den niedrigen Tisch stellt. Es sind Käsewürfel, in denen kleine Zahnstocher mit Länderflaggen stecken sowie Rohkoststreifen und eine kleine Schüssel mit… Pesto!
„Super: Pesto!“, jubelt der Tatzelwurm und schnappt sich direkt seinen Becher mit Chai Latte: „Das passt gut zu den Pizzaschnecken. Wer war das an der Tür?“
„Die Frau aus dem zweiten Stock.“, berichtet die Katze: „Sehr nett und sehr direkt! Sie heißt Fatima und arbeitet wohl irgendwie Schicht.“
„Fatima ist Oberärztin in der Neurochirurgie der Uniklinik. Und kämpft gegen chronischen Eiermangel.“, sagt Trent grinsend, der nun auch ins Wohnzimmer kommt und sich auf eins der Sitzkissen an den Tisch setzt.
Die Show beginnt und beansprucht im Darbietungsteil die Aufmerksamkeit der Freunde. Die Katze hat Bewertungsbögen mitgebracht, auf denen je Beitrag bis zu zwölf Punkte vergeben werden können – und zwar in so unterschiedlichen Kategorien wie „Song“, „Performance“, „Bühnenbild“, „Peinlichkeit“ und „Ralph Siegel“.
Sofort bricht eine Diskussion zwischen der Katze und dem Tatzelwurm aus darum, wie oft man eine Punktzahl je Kategorie vergeben darf. Schließlich überstimmen Trent und der Tatzelwurm die Katze und vergeben sogar ihre Höchstwertung mehrfach.
Die Kritische Katze ist im Verlauf der Show mit allen Kandidatinnen und Kandidaten und sogar mit dem Moderationsduo überaus streng und vergibt heimlich in der Negativkategorie „Ralph Siegel“ mehr Punkte, als sie gemäß ihren eigenen Regeln eigentlich hat.
Die Katze tut sich an der Rohkost gütlich und hat plötzlich die Snackbox mit den Kümmelstangen für sich alleine, nachdem sie anerkennend geäußert hat: „Ah, die Premiumvariation!“ Immer wieder wandern ihre Blicke durch den Raum zu der Werkbank, während sie das Gefühl hat, dass Trent sie im Auge behält.
Trent gießt häufig Sekt nach oder holt neue Käsewürfel, Möhrenstreifen und Pizzaschnecken aus der Küche. „Trent ist irgendwie unruhig.“, flüstert die Katze dem Tatzelwurm zu, aber der schüttelt nur lächelnd den Kopf und stößt mit seinem Sektglas an dem der Katze an.
Als die Zusammenfassungen laufen, sind alle Knabbereien bis auf die Kohlrabistreifen und fischförmigen Sesamcracker sowie die zweite Flasche Sekt verzehrt. Die Kaffeetasse der Kritischen Katze ist hingegen immer noch fast voll. Es ist nun an der Zeit, dass die Partycrew ihre eigenen Preise vergibt.
Nach einer Reihe Negativpreise, bei denen Italien gleich doppelt ausgezeichnet wurde (langweiligster Song und am weitesten aus der Zeit gefallen), werden die persönlichen Favoriten verkündet und imitiert.
Die Kritische Katze verkündet: „Ich denke nicht, dass man hier vernünftigerweise anderer Meinung sein kann: Kroatien hat ganz klar gewonnen! Auch wenn das bestimmt nicht jeder beim ersten Hören verstanden hat. Das war proggy, fantastisch vorgetragen und filmreif in Szene gesetzt!“
Trent wechselt auf dem großen Bildschirm zu YouTube und spielt das Musikvideo von Lelek ab, zu dem die Katze dramatisch auf und abschreitet und es sich nicht nehmen lässt, laut „Andromeda!“ zu intonieren sowie die Teile des Textes, die sie sich hat merken können.
Erneut brummt die Hornisse, die in Trents Klingel eingesperrt zu sein scheint, und erschreckt alle fürchterlich. Trent geht diesmal selbst zur Tür und murmelt: „Ob wir wohl wieder zu laut waren für den müden Pudel?“
Dann dringt ein überraschter Ausruf von Trent ins Wohnzimmer.
Kurz darauf kommt Trent wieder und trägt einen dunkelroten Teller und eine Schüssel. Er grinst breit.
„Was hast du da?“, fragt der Tatzelwurm.
„Nigerianische Pfannkuchen, noch leicht warm! Das ist Fatimas Spezialität! und selbstgemachtes Feigenkompott!“, antwortet Trent begeistert: „Fatima selbst habe ich nicht gesehen.“
Alle fallen über den köstlichen Nachtisch her, bevor die persönliche Siegerehrung weitergehen kann.
Trent ist für Frankreich: „Monroe war sagenhaft. Die Frau kann fantastisch singen und hat eine großartige Bühnenpräsenz! Der Song war zwar beinahe zu bombastisch, aber einprägsam und … und eben bombastisch!“
Auch Trent performt zum Musikvideo, scheitert aber an der elaborierten Choreografie und muss sich schnell mit einem zweiten Pfannkuchen stärken.
Der Tatzelwurm hat sich wieder anderweitig festgelegt: „Ich mochte Bulgarien am liebsten. Diese Mischung aus Lady Gaga und Le Sserafim ist genau, was mich angesprochen hat. Das war der einzige Song, den ich mir auch auf meine Playlist speichern würde.“
Trent sucht das Musikvideo heraus und der Tatzelwurm singt und tanzt dazu. Er hat zwar ganz eigene Tanzschritte erfunden, hält diese aber dreieinhalb Minuten durch und er kann den unkomplizierten Text großteils fehlerfrei mitsingen.
Als der Bildschirm vorläufig aus ist und sich die WG zum Aufbruch bereit macht, streicht die Katze mit der Pfote über den Chabudai und fragt: „Hast du alle deine Möbel selbst gemacht, Trent? Oder kennst du irgendeinen tollen Schreiner?“
„Das ist dir aufgefallen?“, fragt Trent geschmeichelt: „Ich hoffe, nicht weil es so amateurhaft aussieht!“
„Keineswegs!“, sagt die Katze: „Ich habe lediglich bemerkt, dass der Tisch hier aus dem gleichen Kirschholz ist, wie die Comicregale hinter der Werkbank, die so millimetergenau die Wandabmessungen nutzen. Außerdem hat jemand ein „T“ in die Seite der Tischplatte geritzt. Wo hast du das gelernt?“
„Ach, nur hier und da mal was abgeschaut und viele DIY-Videos gesehen.“, winkt Trent ab: „Für die Werkbank habe ich sonst leider nirgendwo Platz. Ich mache halt gerne Sachen aus Holz und als ich hier eingezogen bin, konnte ich mir so relativ leicht alles so machen, wie es für mich funktioniert. Das ist für mich das Wichtigste in meiner eigenen Wohnung. Mit schwierigen Sachen hat man ja genug zu tun, finde ich. Und nur manche davon machen Spaß.“
„Welche? Von uns schwierigen Nachbarn abgesehen.“, fragt die Katze spaßend.
„Holzschnitt zum Beispiel.“, antwortet Trent: „Im Moment ist das so ein Steckenpferd von mir.“
„Du machst Holzschnitte?“, fragt die Katze begeistert: „Kann ich mal einen sehen? Bitte?“
„Hast du die Yoko Tsuno in der Diele gesehen?“, fragt Trent zurück: „Auf die bin ich sogar ein bisschen stolz. Ach, ich habe doch noch was für dich, das du mitnehmen sollst.“
Trent läuft in die Diele, dicht gefolgt von der Kritischen Katze, die aber in der Diele bleibt, als Trent in seinem Schlafzimmer verschwindet. Kopfschüttelnd bewundert sie dort den Holzschnitt, den sie beim Hereinkommen beinahe für eine Originaltusche von Roger Leloup gehalten hätte. Das Bild zeigt die Comicheldin Yoko Tsuno, die einen Pfeil von ihrem Bogen abfeuert. Sogar die einzelnen Haare der Figur und die Vibration der Bogensehne hat Trent mit Holz gedruckt, genau wie Leloup es gezeichnet hätte.
Dann fällt ihr ein Schwarz/Weiß- Foto in einem Rahmen an der Wand neben Trents Schlafzimmertür auf. Es zeigt eine junge Frau mit einem runden Gesicht, die mit einem Lötkolben an einer Platine arbeitet und den Betrachter leicht genervt, aber mit der Spur eines Lächelns anschaut. Sie trägt eine Art Laborkittel, auf dem ein Namensschild befestigt ist. Auf dem Namensschild steht in leuchtend roter Schrift: „Jet Girl“. Dieser Schriftzug ist in der gleichen Farbe durchgestrichen und darunter steht in der gleichen Schrift: „Entrapta“. Die rote Schrift ist das einzige farbliche Highlight auf dem Bild.
„Wer ist das Mädchen?“, fragt die Katze, als Trent wieder in die Diele zurückkommt.
„Eine alte Freundin.“, sagt Trent, als sei damit alles gesagt: „Das ist aus der Zeit, als ich noch Fotos selbst entwickelt und koloriert habe. War auch mal so ein Hobby. Hier, schau mal: das habe ich für Schafi gemacht.“
Trent gibt der Katze vier hölzerne Pflanzstützen, die alle aussehen wie ein Halbkreis mit zwei Beinen. Sie sind auch aus Kirschholz und alle unterschiedlich groß. Auf den Halbkreisen sind chinesische Schriftzeichen zu sehen. Auf drei Halbkreisen hat Trent je ein Fú, ein Sheng und ein Lù kalligrafiert, aber aus dem höchsten hat er Holz herausgekratzt, so dass vier Schriftzeichen übrig geblieben sind. Die Katze übersetzt ohne nachzudenken: „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
„Wie wunderschön! Ich… ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“, stammelt die Katze.
„Dass ich das noch erleben darf!“, ruft Trent einer unsichtbaren Menge zu und geht auf die Suche nach seinem Sektglas, das der Tatzelwurm bereits zusammen mit den leeren Schüsseln in die Küche gebracht hat.
„Ich kann jetzt unmöglich schon schlafen gehen!“, sagt die Katze glücklich, als sie und der Tatzelwurm wieder im vierten Stock angekommen sind: „Dafür bin ich noch viel zu aufgeregt.“
„Macht nichts.“, sagt der Tatzelwurm: „Wir haben ja in einen 80. Geburtstag hineingefeiert. Das können wir ja noch zu Ende bringen.“
Udo Lindenberg: Wieder genauso
| Jahr | 2021 |
| Land | Deutschland |
| Genre | Rock |
| Aha-Momente | „Udo Lindenberg wollte nie am ESC teilnehmen.“, sagt der Tatzelwurm, als er den Fernseher einschaltet: „Aber er wird heute 80, denn es ist schon Sonntag. Wir können also ein wenig Geburtstag feiern.“ Die Kritische Katze steht am Fenster und hält die Pflanzstützen neben ihre Schafgarbe. „Mach das doch bei Tageslicht!“, ruft der Tatzelwurm von der Couch aus: „Sag mal: findest du unsere Couch irgendwie raumgreifend, unordentlich und oll?“ „Unsere Couch ist perfekt.“, sagt die Kritische Katze und springt mit Anlauf darauf: „Denn sie ist gemütlich und funktioniert für uns – während es für andere Leute vielleicht besser funktioniert, von ihrer Werkbank aus den Bildschirm sehen zu können. Ich würde sie wieder genauso anschaffen.“ |
| Hookline / Ohrwurm-Moment | „Bei Udo denkt man oft: hoppla, der Text reimt sich ja gar nicht wirklich! Aber wenn er ihn singt, dann tut er das doch und das Reimschema ist auch noch so was Abgefahrenes wie ein Limerick!“, freut sich der Tatzelwurm. Die Katze sagt: „Was ist denn daran abgefahren? Darob bin ich mir nicht im Klaren! Es ist doch nur ein Limerick. Dazu gehört kein Zaubertrick, sondern nur die Form zu wahren!“ Der Tatzelwurm applaudiert: „Na, du bist ja plötzlich gut drauf!“ |
| Visuelle Highlights | „Nina Hagen, Alice Cooper, Erich Honecker, Willy Brandt und Helmut Schmidt – das Video ist fast wie eine deutsche Version von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand!“, stellt der Tatzelwurm entzückt fest. |
Udo Lindenberg und das Panikorchester: Na und?!
| Jahr | 1978 |
| Land | Deutschland |
| Genre | Rock |
| Aha-Momente | „Ich frage mich, wer das Mädchen auf dem Foto war.“, sinniert die Katze. „Welches Foto?“, fragt der Tatzelwurm irritiert. „Schon gut!“, winkt die Katze ab. |
| Hookline / Ohrwurm-Moment | „Noch so ein Song, den nur Udo singen kann!“, proklamiert die Katze. „Und Tokio Hotel!“, ergänzt der Tatzelwurm. „Findest du!“, sagt die Katze vorwurfsvoll. „Ich ziehe die Aussage zurück und behaupte vehement das Gegenteil.“, erklärt der Tatzelwurm. |
| Visuelle Highlights | „Mit 32 sah Udo älter aus als jetzt.“, findet der Tatzelwurm. „Früher sahen die Leute schneller alt aus.“, stellt die Katze fest. „Ist doch Quatsch in diesem Fall!“, sagt der Tatzelwurm. „Kann sein. Ich bin müde und habe eine ganze Flasche Sekt getrunken, glaube ich.“, gähnt die Katze: „Und zu wenig Kaffee!“ |

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