Cat Cooper
Derek „Cat“ Cooper war einer der besten Leute bei Pinkerton und jeder wusste das. Cats Detektivarbeit hatte zur Zerschlagung der berüchtigten Reno-Gang beigetragen und wesentlich auch dazu, Butch Cassidy und Harry “Sundance Kid” Longabaugh, die Anführer des Wild Bunch, in Bolivien aufzuspüren. Cat Cooper stand nie im Rampenlicht, sondern arbeitete lieber ungesehen im Hintergrund. Er trug die Badge mit der Aufschrift „We Never Sleep“ seit vielen Jahren mit Stolz.
Man konnte sicher sagen, dass seine Jahre der erfolgreichen Verbrechensbekämpfung dazu geführt hatten, dass Cat Cooper den Teufel erkannte, wenn er ihm oder seinen Werken begegnete.
Bei den fragwürdigen Maßnahmen gegen die organisierten Ford-Mitarbeiter würde die Agency aber sicherlich auf seine Unterstützung verzichten können – deshalb hatte Cooper sich zum ersten Mal seit Jahren Urlaub genommen und war nach Mississippi gereist, wo er seine Jugend verbracht hatte und wo er die berühmten Musiker Charley Patton und Son House sehen wollte.
Ja, Cat Cooper erkannte den Teufel mit unbeirrbarer Sicherheit – deshalb ging ihm dieser junge Musiker nicht aus dem Kopf, den er am vorherigen Abend in der Poststation in Vicksburg getroffen hatte.
Der junge Robert Johnson war auf dem Weg gewesen nach Jackson, ebenso wie Cooper, wollte aber in der Nacht reisen, denn er war, wie er aufgeregt beim Essen erzählt hatte, an einer Wegkreuzung zwischen Bovina und Bolton mit jemandem verabredet, der ihn in wenigen Tagen zum besten Gitarrenspieler der Welt machen würde.
Wie das denn gehen sollte, hatte der Postkutscher gefragt.
„Mojo, Mann! Mojo!“, hatte Johnson geantwortet.
Cooper war sofort davon überzeugt gewesen, dass der junge Mann in ernsthafter Gefahr war – dafür hatte ihm ein Blick in seine Augen gereicht.
Die Kreuzung
Johnson hatte sich aber nicht aufhalten lassen und war kurz nach dem Essen losgezogen. Es hätte keinen Sinn ergeben, ihm im Dunkeln zu folgen.
Doch jetzt saß Cat Cooper auf dem Pferd, das er der Poststation abgekauft hatte, und inspizierte gründlich die Straße, die ostwärts nach Jackson führte. Keine Spur von Robert Johnson.
Wegkreuzungen hatte Cooper für seinen Geschmack schon mehr als genug passiert, als er um die Mittagszeit an eine Kreuzung in einem dichten Kiefernwald kam, der trotz der senkrecht über ihm stehenden Sonne eine Finsternis ausstrahlte, die Cooper nicht rational fassen konnte. In der Mitte der Kreuzung sah er einen Wegweiser, der den Weg nach Jackson rechtsabzweigend auswies und weiter geradeaus die Queens Hill Road verortete.
Cooper lies das Pferd bis an den Wegweiser traben und blickte den Weg zur Rechten entlang, der schnurgerade verlief und sich irgendwo im Kieferndickicht verlor. Dann nahm er den Wegweiser selbst in Augenschein und vor allem den Boden um ihn herum.
Was für ein kindischer Streich! Cooper kannte die Gegend gut genug, um zu wissen, dass Jackson etwa 16 Meilen entfernt gerade vor ihm lag, während die Queens Hill Road linkerhand parallel verlief.
Cooper war sich ziemlich sicher, dass niemand in der Nähe war, um das Gelingen seines Streiches zu beobachten – dafür hatte er ein unfehlbares Gespür. Des Weiteren konnte er sehen, dass den Weg nach rechts in den letzten zwölf Stunden niemand genommen hatte. Cooper zuckte die Schultern und ritt geradeaus weiter.
Ab Bolton wurde es schwieriger, der Spur von Johnson zu folgen, weil die Straße nach Jackson nun asphaltiert und wesentlich stärker frequentiert war – durchaus auch von Automobilen. Cooper ritt unbeirrt weiter, weil er sich keinen Grund vorstellen konnte, warum Johnson von seinem geplanten Weg abgewichen sein sollte.
Rambling on my Mind
In Jackson wurde die Straße erst zur Clinton Road, dann zur Capital Street. An der nach rechts abzweigenden Gallatin Street wäre Cooper vermutlich vorbeigeritten, wenn nicht ein großer Aufruhr in einem der Restaurants dort seine Aufmerksamkeit erregt hätte.
Da schien eine Schlägerei im Gange zu sein!
Cooper mischte sich in die Menge und bemerkte sogleich zwei Sachverhalte, wie man im polizeilichen Protokoll wohl sagen würde: erstens war dies ein Restaurant für Schwarze. Cooper hatte die besondere Fähigkeit, mit lediglich geringer Anstrengung so wahrgenommen zu werden, wie es ihm am besten passte: egal ob Etablissement nur für Weiße oder nur für Schwarze, Reservat oder Wohnviertel asiatischer Einwanderer – Cat Cooper fiel nicht auf, wenn er es nicht wollte.
Außerdem war noch keine Polizei vor Ort. In der Tat lief der Wirt zwischen den Schlägereiteilnehmern umher und rief immer wieder: „Seid ihr denn wahnsinnig? Hört doch auf, verflixt! Was, wenn die Bullen kommen?“
Alles klar, dachte sich Cooper und nahm einen eigentümlichen Geruch aus der Pferdetränke vor der Gaststätte wahr. Jemand schien Schnaps in die Pferdetränke gekippt zu haben – und zwar viel davon. Eine Panikreaktion, weil man mit der Polizei gerechnet hatte?
Natürlich wusste Cooper, dass Spirituosen trotz des landesweiten Verbots in Saloons wie diesem unter der Hand erhältlich waren. Trotzdem musste er sich sehr wundern, dass jemand so verschwenderisch mit dem illegalen Stoff umging. Die Schlägerei um ihn herum kam zum Erliegen, aber die Leute äußerten weiterhin offen ihren Unmut: „So eine Frechheit! Uns einfach Wasser auszuschenken! Und dann auch noch so eine staubige Brühe!“ Sein geübter Blick lies Cooper des Weiteren bemerken, dass die meisten Stühle und Tische noch ordentlich an ihren Plätzen standen, aber der Spiegel zerschlagen war. Vom Wirt würde Cooper natürlich nichts erfahren, aber den Äußerungen von ein paar verärgerten Männern in der Menge konnte er entnehmen, dass man nicht wie üblich bedient worden sei, sondern vom Wirt trotz seines gewohnten geheimnisvollen Getues aus dem bekannten Eimer hinter der Bar sandiges Wasser bekommen habe.
Sofort war Cooper alarmiert: das war bereits die zweite plumpe Vertauschung heute! Erst wurden Richtungsanweisungen vertauscht und nun eimerweise Flüssigkeiten!
Nun musste Cooper den Wirt doch befragen. Seine Pinkerton-Marke und die Zusicherung, dass er nicht für das Prohibition Bureau arbeite, machten den Wirt schnell gesprächig.
Cooper beschrieb Johnson einschließlich seiner Kleidung. „Ja, der war hier!“, rief der Wirt: „Kam als erster Gast nach der Mittagspause in Begleitung eines ziemlich finsteren Gesellen in einem sehr schicken Anzug – komisches Paar, die beiden! Haben Suppe gegessen und angeregt miteinander gesprochen. Aber ich habe nichts von der Unterhaltung mitbekommen.“
„Waren Sie oder der Finstere zwischendurch mal draußen?“, wollte Cooper wissen.
„Tatsächlich, jetzt wo Sie‘s sagen!“, wunderte sich der Wirt: „Noch bevor die Beiden sich an einen Tisch gesetzt haben, wollte der Finstere wissen, ob eine Kutsche von hier nach Florence fährt. Also bin ich mit ihm raus und hab ihm die Kutschenstation gezeigt. Aber nach zehn Minuten waren wir wieder hier.“
„Tut mir leid, das mit dem Spiegel.“, sagte Cooper zum Abschluss.
„Das ist ja das Sonderbare!“, rief der Wirt: „Deshalb kann ich mich überhaupt so gut erinnern! Nach der Suppe kam der Musikertyp zu mir an die Theke und wollte zahlen. Hab ihm den Preis genannt – da steckt der sein Geld wieder ein und geht zu seinem düsteren Begleiter. Der steht auf und gibt mir glatt fünfzig Dollar! Sagt: stimmt so, und geht!“
„Und dann? Schnell, was war dann?“, drängte Cooper.
„Nach ein paar Minuten“, erzählte der Wirt weiter: „Nach ein paar Minuten kommt der Musikertyp wieder, als ob er etwas vergessen hätte. Er kommt zu mir und sagt: Ich hoffe, das war genug Geld eben. Ich denke natürlich, er will was zurück haben, aber er will es nur bewerten können. Ich sage: Dafür könnte ich hier glatt renovieren! Da freut er sich, nimmt mein Tablett und schleudert es in den Spiegel. Ich war so baff – als ich ihm hinterher bin, waren beide schon über alle Berge!“
Cooper bedankte sich nur knapp, rannte zu seinem Pferd und ritt die Strecke nach Florence so schnell, wie das Pferd konnte.
Höllenhund auf den Fersen
Florence war eins dieser üblichen südlichen Käffer mit übersteigert ehrgeizigem Namen. Alle Häuser der Ortschaft waren an der Durchgangsstraße aufgereiht.
Cooper wollte schon einfach durchreiten, als ihm etwas an dem örtlichen Kaufladen auffiel – zuerst konnte er gar nicht sagen, was es war.
Er las das Ladenschild („Grammy Oakum’s Grocery and Mojo“), stieg ab und betrachtete die Auslagen: in der Kiste mit den Orangen steckte ein Schild, das den Preis der Pekannüsse auswies und umgekehrt.
Cooper fühlte sich geschmeichelt: den meisten Durchreisenden wäre das nicht aufgefallen – aber die meisten Durchreisenden waren auch nicht Cat Cooper und jeder wusste das.
Er betrat den Laden und wurde von einer freundlichen älteren Dame begrüßt, bei der es sich um Grammy Oakum handeln musste. Auf die vertauschten Schilder angesprochen reagierte die Frau mit verärgertem Kopfschütteln und bereinigte die Platzierung der Preisauszeichnungen. Grammy Oakum ließ sich von dieser Irritation aber nicht die Laune verderben und kam schnell ins Plaudern.
Robert Johnson und sein unheimlicher Reisegefährte waren erst vor Kurzem da gewesen und hatten ein paar Nüsse gekauft.
Johnson war sogar noch einmal alleine zurückgekommen, weil er seine Gitarre im Laden vergessen hatte. Bei der Gelegenheit hatte er noch einen kleinen, mit magischen Zeichen bestickten Stoffbeutel gekauft, in den er eine Halskette und einen goldenen Ring gegeben hatte. Grammy hatte dann einen Hoodoo-Zauber darüber gesprochen. „Deswegen kommen die Leute doch zu mir“, sagte sie: „Für den Herrn Detektiv auch ne Mojo Hand?“
Gegenüber des kleinen Geschäfts zweigte ein schmaler Fußweg ab, der geradewegs auf ein Magnolienwäldchen zulief.
Von vier bis spät
Cat Cooper musste nicht lange überlegen. Nachdem er sein Pferd außen am Laden angebunden und noch einen Spontankauf getätigt hatte, lief er zu Fuß auf das Wäldchen zu. Dort angekommen bewegte er sich leise und vorsichtig. Er musste nicht lange suchen, bis er Stimmen hörte und die beiden Männer fand, denen er gefolgt war. Er verbarg sich hinter einem Baum, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Johnson saß an einen Baum gelehnt, mit seiner Gitarre in den Händen. Der andere Mann saß ihm gegenüber und wirkte in seinem feinen gestreiften Anzug einerseits völlig deplatziert. Der Mann war klein und schmal und wirkte irgendwie verkrümmt. Trotzdem strahlte sein Gesicht eine natürliche Dominanz aus, als würde ihm alles gehören, was er sähe. Cat Cooper erkannte ihn sofort und seine Haare sträubten sich.
Die beiden Männer unterhielten sich eine Weile über Musik, dann spielte Johnson einen Song. Seine Stimme und seine ungeheure Virtuosität mit der Gitarre lenkten Cooper einen Moment lang gänzlich von dem Grund seiner Anwesenheit ab.
Nach einer ganzen Weile, als die Strahlen der Sonne länger und röter wurden, beugte sich der Teufel vor und sagte: „Ich denke, wir werden uns schnell einig über meine Bezahlung für diesen Wissenstransfer. Wenn du schon sehr bald reich und berühmt bist, wirst du deine Seele nicht mehr brauchen, Robert. Deshalb nehme ich sie nun mit mir.“
„Ich fürchte, das wird leider nicht so einfach.“, antwortete Robert Johnson ruhig: „Meine Seele gehört bereits meiner Mutter und meiner verstorbenen Frau – sie ist durch diese Mojo Hand vor Ihrem Zugriff geschützt.“ Er legte den Stoffbeutel vor sich ab, als ob dieser unantastbar wäre.
„Was geht hier vor?“, schrie der Teufel erbost: „Wie kann so ein Landei nur so gut vorbereitet sein?“
„Das war gar nicht so schwer“, sagte Robert Johnson: „Ich war davon überzeugt, dass Sie nichts Gutes im Schilde führten, als Sie in Jackson weder wegen des schmutzigen Wassers eine Szene gemacht haben, das Sie anstelle des Whiskys bekommen haben, noch wegen der fantastisch hohen Summe, die ich Ihnen als Rechnung präsentiert habe. Vielmehr zeigte mir das, dass Sie kein Aufsehen erregen wollten und gar keinen richtigen Bezug zur Realität haben.“
„Und der Beutel?“, schrie der Teufel.
„Wir haben immer nur über Technik gesprochen, seit wir uns getroffen haben“, entgegnete Johnson: „Ich freue mich auch sehr, dass ich diese ausgefeilte Technik nun beherrsche. Aber ohne Seele ist es eben keine Musik. Dass Sie das nicht zu wissen schienen, hat mich schon sehr besorgt. Ich musste Maßnahmen ergreifen.“
„Selbst wenn ich deine Seele nicht bekomme: ich bringe dich jetzt um!“, brüllte der Teufel außer sich vor Wut.
„Ich fürchte, auch das wird nicht so einfach“, sagte Robert Johnson in bedauerndem Tonfall: „Ich habe dafür gesorgt, dass der beste Mann von Pinkerton vor Ort ist. Pinkerton kann einen Mord nicht zulassen, denn das verstößt gegen das Gesetz.“
Das war Coopers Stichwort. Er war sehr beeindruckt von dem jungen Musiker, trat hinter seinem Baum hervor und hielt sein Schutzamulett aus Grammy Oakums Laden vor sich. Dann begann er zu singen: „Cryin‘, I ain’t goin‘ down that dark road by myself…“
Robert Johnson begann auf seiner Gitarre zu spielen und stimmte ein. Gemeinsam sangen sie Charley Pattons „Dark Road Blues“ unter den Magnolienbäumen, während das Nachmittagslicht schwächer wurde.
Der Teufel krümmte sich, als ob er Schmerzen hätte und schrie: „Und wenn nicht heute, Landei, dann eben bald! Am Ende bekomme ich immer, was ich will!“
Damit drehte er sich um und verschwand zwischen den Bäumen.
Robert Johnson streckte Cat Cooper die Hand entgegen: „Vielen Dank für alles, Sir!“
„Er hat recht“, gab Cooper zurück: „Am Ende bekommt er meistens, was er will.“
„Er muss warten„, sagte Johnson ruhig: „Bis dahin kann ich bestimmt noch Einiges aus meiner Zeit machen.“
Robert Johnson: Crossroad Blues
| Jahr | 1936 |
| Land | USA |
| Genre | Blues |
| Aha-Momente | „Moment mal!“, ruft Tatzelohrwurm, als die Kritische Katze ihre Geschichte beendet hat: „Das kenn ich doch.“ Dann macht er wieder die Wickie-Geste und umkreist seine Nüstern mit der Zeigekralle, steht auf und geht zum Bücherregal. „Das kann alles nicht wahr sein!“, jammert Trent mit gespielter Verzweiflung: „Ich habe dich nur gefragt, ob du glaubst, dass an der Legende etwas dran ist, dass Robert Johnson seine Seele an den Teufel verkauft hat, K.. Das ist eine verdammte Ja-oder-nein-Frage!“ „Jedenfalls sollte sie nun beantwortet sein.“, gibt die Katze zurück und nimmt einen großen Schluck Chai Latte. „Wusst‘ ich’s doch!“, ruft der Tatzelwurm und hält ein zerlesenes altes Buch in der Hand: „Das war The Blue Cross von G.K. Chesterton!“ „Unsinn!“, sagt die Katze ruhig: „Die Dialoge bei mir waren viel besser.“ |
| Hookline / Ohrwurm-Moment | Die WG feiert den 115. Geburtstag von Robert Johnson. „Diese Stimme!“, schwärmt der Tatzelwurm: „Er kann auf Knopfdruck zwischen Gesang, Erzählung, Gejodel, Gejauchze, Gegrummel und Gewinsel wechseln – immer so, wie er es braucht!“ „Aber die Gitarre!“, jubelt Trent: „Der Mann ist seine eigene Rhythmussektion – man denkt immer, da wäre noch ein zweiter Gitarrist dabei! Und dann diese Ohrwurm-Riffs!“ „Das Beste sind die Texte.“, findet die Katze. „Jedenfalls hat er nicht einfach woanders abgeschrieben!“, sagt der Tatzelwurm und wirft der Katze einen vielsagenden Blick zu. „Hommagen sind kein Problem!“, sagt die Katze: „Das hat er auch gemacht – machen alle großen Künstler für ihre Vorbilder!“ |
| Visuelle Highlights | „Vollkommen unrealistisch! Zeichentrick eben!“, urteilt die Kritische Katze. |

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