We love you madly!

Billy war sehr aufgeregt – endlich würde er sein musikalisches Vorbild wiedersehen! Diesmal war er persönlich eingeladen und würde hoffentlich Zeit haben, sich mit ihm über Komposition und Improvisation auszutauschen.

Billy Strayhorn war erst 18 Jahre alt gewesen, als er den flamboyanten Duke Ellington und sein Orchester zum ersten Mal in seiner Heimatstadt Pittsburgh, Pennsylvania, gesehen hatte. Das Konzert hatte sein Verständnis von Musik komplett verändert. Obwohl seine Liebe zur klassischen Musik ungebrochen war, hatte er begriffen, dass eine berufliche Laufbahn als Jazzmusiker eine mögliche Alternative für ihn sein könnte.

Diese Erinnerungen beschäftigten ihn, als er die Treppen zur New Yorker Untergrundbahn hinabstieg. Über die Zuglinien, die durch weite Teile der Metropole in unterirdischen Tunneln fuhren, hatte Billy sich schon vor seiner Abreise in der Bibliothek informiert. Über die Gerüche und den Lärm, die ihn empfingen, hatte er ebenfalls gelesen, aber wirklich darauf vorbereitet war er dadurch nicht gewesen.

Der Krach war ohrenbetäubend.

Tonnenschwerer Stahl, der sich auf Stahl rieb! Tausende hallende Schritte und kakophonisches Stimmengewirr – so musste es in einem Ameisenhaufen zugehen, wenn Ameisen Menschen wären! Darin ging das laute Geschrei der Schaffner und das Zischen der pneumatischen Maschinen beinahe unter, aber Billys empfindliche Ohren hörten auch das und er musste sie sich kurz zuhalten.

Beinahe wäre er mit einem Mann kollidiert, der Zeitung lesend die Treppen emporeilte. Diese Großstadtmenschen! Billy erschienen sie seltsam aber imponierend. Wenn alles gut lief, würde er bald einer von ihnen sein.

Die Schlagzeile auf der Zeitung hatte gelautet: „Bald Krieg in Europa?“ und der Mann hatte nach seinem After Shave gerochen – wie Earl Grey Tee mit zuviel Zitrone. Billy fand den Duft, der ihn an seine Großmutter erinnerte, nicht aufregend, aber doch angenehm inmitten all der anderen Gerüche, die aus den heißen Tunneln nach oben in die kalte Januarluft strömten: scharfer Ozongeruch, der an die Stahlfabriken zuhause erinnernde Geruch von Schmierölen und heißem Metall, Unmengen an Zigarettenrauch, Moder und Ruß.

Billy musste trotzdem lächeln. Er zog die Wegbeschreibung aus der Sakkotasche, die ihm Duke Ellington im Dezember zugesteckt hatte, als sein Orchester erneut in Pittsburgh aufgetreten war. Die Big Band war mittlerweile größer als 1933 und Billy hatte sich nach dem Konzert hinter die Bühne geschlichen, weil er den großen charismatischen Bandleader unbedingt kennenlernen wollte. Und dann war ein Traum wahr geworden: Der überaus höfliche Duke, den man tatsächlich für einen echten Herzog halten konnte, hatte ihn nach einer kurzen Konversation zu sich nach Hause eingeladen!

„Und wie komme ich dahin?“, hatte Billy geistesgegenwärtig gefragt.

Der Duke hatte kurz überlegt, dann ein Notenblatt aus seinem Heft gerissen und darauf einen Satz geschrieben: Take the „A“ Train.

Das Notenblatt war sauber gefaltet und mittlerweile in Billys Handschrift vollgeschrieben, denn der Satz hatte ihn zu einer Komposition inspiriert, die er seinem Gastgeber heute vorspielen wollte.

Der Bahnsteig, an dem die Züge der Linie A abfuhren, war leicht zu finden und die unterirdische Fahrt kurzweilig gewesen. Billy hatte die ganze Zeit nervös an seiner Brille herumgespielt, die er zur Tarnung trug, und hatte sich gewundert, wie gelassen die übrigen Fahrgäste auf ihn wirkten. Er war froh, als er an der 145. Straße aussteigen und die langen steilen Treppen hinauflaufen konnte.

Vor der Station blieb er einen Moment stehen. Ah, Harlem! Die Luft war hier viel sauberer als im südlichen Manhattan und leiser war es auch. Die Straße, in der er stand, und das Menschenaufkommen darin entsprachen deutlich mehr seinen Gewohnheiten. Die Häuser auf Sugar Hill, wo der Duke residierte, sahen sehr nobel aus von hier unten.

Willkommen, Mr. Strayhorn!“, sagte eine Stimme neben ihm.

Billy wandte den Kopf und erkannte den tannengrünen aufrecht gehenden Drachen sofort: es war der berühmte Alt-Saxofonist aus Duke Ellingtons Orchester, der dem Instrument lieblichere Töne entlocken konnte als irgendjemand sonst. Der Drache lüpfte seinen Hut und streckte seine Pranke zur Begrüßung aus: „Tatzelsaxwurm, zu Ihren Diensten, Mr. Strayhorn! Selbst in unserer großen Stadt trifft man wirklich nicht jeden Tag jemanden wie Sie.“ „Nicht hier!“, rief Billy nervös und überprüfte unwillkürlich den Sitz seiner Brille.

„Natürlich“, sagte der Tatzelwurm und nickte dabei: „Der Chef hat mich geschickt, damit ich Sie zur Firma begleite.“

„Danke!“, antwortete Billy: „Das freut mich. Ich freue mich heute ohnehin wie verrückt.“

„Warum wie?“, wollte der Tatzelwurm wissen: „Freuen Sie sich doch einfach verrückt!“

Die beiden Musiker machten sich sofort auf den Weg und erreichten die hübsche Stadtvilla von Duke Ellington nach wenigen Minuten. Ein Bediensteter öffnete ihnen und führte sie in einen Salon, in dem ein großer Bechstein-Flügel stand.

Nur wenige Augenblicke später betrat Duke Ellington selbst den Raum. Er war elegant gekleidet und imposant wie immer – was nicht zuletzt an seiner körperlichen Erscheinung lag: groß, mit breiten Schultern, sorgsam frisiert und mit perfekt getrimmtem Schnurrbart. Er lächelte breit und gewinnend und wirkte, als würde er ein Konzert vor Publikum eröffnen.

„Billy!“, rief er und klang im höchsten Maße erfreut: „Willkommen im Hauptquartier unserer Organisation! Haben Sie es gut gefunden? Hat Johnny Sie rechtzeitig in Empfang nehmen können?“

Billys Blick zuckte kurz zu Tatzelsaxwurm hinüber, den Duke Ellington gerade „Johnny“ genannt hatte, und ihm wurde klar, wie selbstverständlich für alle hier die Aufrechterhaltung der Tarnung sein musste.

Er nahm die Brille ab und streckte seine Pfote zur Begrüßung aus: „Mr. Ellington, ich freue mich verrückt, bei Ihnen zu sein.“

„Sie haben in der fabelhaften Westinghouse School Band gespielt, wie mir gesagt wurde? Und haben ihr Handwerk bei Mrs. Enty Catlin gelernt? Das ist beeindruckend!“, schmeichelte der Duke, nachdem er Billy einen schmerzhaft festen Händedruck gegeben hatte: „Und trotzdem interessieren Sie sich für unsere Art der Musik?“

„Die Arrangements, die Sie für ihr Orchester geschrieben haben, sind unübertroffen!“, antwortete Billy höflich, konnte seine ehrliche Begeisterung aber nicht verbergen: „Ich hatte die große Freude, Ihr Orchester bereits zweimal bei einem Konzert bewundern zu dürfen und beide Male waren Sie so freundlich, Ihre Komposition „Sophisticated Lady“ zu spielen. Das Piano-Solo hat mich jedesmal sehr beeindruckt und ich habe mich immer bemüht, es nachzuspielen.“

Der Duke war sehr geschmeichelt: „Oh, Konzert nennen Sie das, wenn wir zum Tanz aufspielen? Johnny, er hat Konzert gesagt.“ Der Tatzelwurm verdrehte die Augen. Duke setzte sich ans Piano und begann zu spielen: „Meinen Sie ungefähr das?“

„Bitte, ich bin neugierig – lassen Sie uns Ihre Version auch hören?“, fragte der Duke anschließend und machte Platz am Piano.

Billy blieb bis zum Abendessen am Piano sitzen und musizierte mit seinen Gastgebern zusammen.

„Take the A Train“, seine kleine Komposition auf der Wegbeschreibung, machte großen Eindruck auf den Duke, der es auch gleich vierhändig mit Billy zusammen spielen wollte. Nach einigen Durchläufen entschied der Duke, dass das Stück „ein Fall für Johnny“ sein müsse. Der Tatzelwurm hatte sein Saxophon sofort griffbereit und spielte nach dem fanfarenartigen Intro ein so schönes Solo, dass Billy die Tränen zurückhalten musste. Der Duke war aufgestanden und hatte gerufen: „Das ist es! Das ist die neue Erkennungsmelodie der Organisation!“

„Und was ist mit Mood Indigo?“, fragte der Tatzelwurm.

„Mood Indigo, Schmood Indigo!“, rief Duke Ellington immer noch ganz begeistert: „Die 40s stehen vor der Tür, Johnny! Wir müssen mit etwas Neuem kommen, um unser Publikum bei der Stange zu halten.“

„Vielleicht hast du noch mehr Ideen, Billy!“, hoffte Duke Ellington beim Abendessen: „Ich möchte einen unverwechselbaren Abschiedsgruß an unser Publikum richten, damit es noch lange an uns denkt. Ich dachte an so etwas wie ‚Wir lieben euch‘ – aber es fehlt noch etwas. Wir lieben euch aus tiefstem Herzen? Mit Leib und Seele? Komme was wolle? Bei Sonne und Regen? Wie wild?“

Verrückt!“, sagten Billy Strayhorn und Tatzelsaxwurm wie aus einem Mund.

Und jetzt gute Nacht, Schafi! Das war eine lange Gute-Nacht-Geschichte.

Duke Ellington and his orchestra: Take the A-Train

Jahr1943
LandUSA
GenreSwing
Aha-Momente„Ist nicht dein Ernst, K.!“, ruft Trent vom Sofa aus: „Du willst uns doch nicht weismachen, dass Billy Strayhorn eine Kritische Katze war?“
„Die Beweislage ist ja wohl erdrückend – ich bitte dich!“, gibt die Kritische Katze ungerührt zurück und klopft die Erde an ihren Pfoten in den Mülleimer.
„Und Johnny Hodges war in Wirklichkeit ein Tatzelwurm?“, fragt Trent immer noch ungläubig.
„Ich bin so schlecht mit Verwandtschaftsbeziehungen.“, sagt Tatzelohrwurm: „Er muss mein Groß-Groß-Onkel mütterlicherseits gewesen sein. Es wurde früher häufig davon gesprochen, dass ein Zweig unserer Familie ausgewandert ist. Aber für Musik interessierten sich die Banausen ja nie!“
„Jedenfalls würde Duke Ellington heute 127 Jahre alt und deshalb haben wir Nussecken gemacht.“, verkündet die Katze.
„Du meinst, T. hat Nussecken gemacht?“, neckt Trent.
„Nein, die Katze hat die Ecken in Schokolade getaucht.“, stellt der Tatzelwurm klar: „In der Zeit habe ich diesen alten Kinofilm hier gefunden: in Reveille with Beverly von 1943 spielt das Duke Ellington Orchester sich selbst – allerdings ohne Billy Strayhorn, der ja auch bei Auftritten häufig nicht dabei war.“
Hookline / Ohrwurm-MomentTAAAA! Tata-TADAAAAA!“ krähen der Tatzelwurm und die Katze und scheinen auf unsichtbaren Posaunen zu spielen, während sie im Kreis tanzen.
Verrückt!“, sagt Trent.
Visuelle Highlights„Ich frage mich, ob die Szene damals wirklich in einem fahrenden Zug gedreht wurde.“ fragt sich der Tatzelwurm.
„Jedenfalls nicht in einer U-Bahn.“, stellt die Katze fest.
„Ist das am Ende Cat Anderson, der da durchs Abteil tanzt?“, möchte Trent wissen.
„Ja schon, aber achte mal auf meinen Onkel. Der ist doch auch gut zu sehen!“, sagt der Tatzelwurm konzentriert.
„Wieso heißt’n der Cat?“, bohrt Trent.
„Gehört alles zur Tarnung.“, sagt die Katze.

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