Gerechter Zorn

Trent ist außer sich. Als er am Nachmittag nach Hause kommt, entdeckt er an der Straßenlaterne vor dem Haus einen Aufkleber einer rechtsradikalen Partei mit einem identitären Slogan darauf.

Sofort greift er danach und versucht, den Aufkleber abzuziehen. Aber der Aufkleber ist so glatt auf die metallische Oberfläche der Laterne geklebt, dass Trent ihn nicht zu fassen bekommt. Er wirft dem Aufkleber einen zornigen Blick zu, schaut sich um und ruft laut über die Straße: „Ich dachte, das sei eine anständige Gegend hier!“

Eine Viertelstunde später kommen Tatzelohrwurm und die Kritische Katze mit Lupo, dem kleinen Hund der Dame aus dem dritten Stock, von einem Spaziergang zurück und sehen, wie Trent mit seinem Schlüsselbund an dem Laternenpfahl schabt.

„Hey Trent!“, ruft der Tatzelwurm zur Begrüßung: „Unternimmst du etwas gegen die Lichtverschmutzung der Straße? Willst du die Laterne wirklich ganz alleine fällen?“

Die Katze zieht Lupo von dem Laternenpfahl weg, für den er sich gerade zu interessieren begann, und bringt ihn zu Frau Rüther zurück.

„Schau dir diesen Dreck an, T.!“, schimpft Trent und schabt weiter an dem Aufkleber herum, der immer noch erstaunlich unbeschädigt aussieht.

Der Tatzelwurm weiß, dass er gemeint ist, wenn Trent den Buchstaben „T“ englisch ausspricht, und betrachtet den Aufkleber und Trents mühsame, aber tapfere Versuche, ihn abzukratzen. Dann sagt er: „Das ist Sachbeschädigung, Trent.“

„Ich weiß, oder?“, ruft Trent aufgebracht: „Man darf an öffentlichen Straßenlaternen keine Aufkleber anbringen!“

„Juckt aber niemanden.“, erzählt der Tatzelwurm: „Die Kritische Katze hat eben bei der Polizei angerufen, bevor wir losgegangen sind. Da hat man sich bei ihr für den Hinweis bedankt. Dann hat die Person am Telefon ihr durch die Blume mitgeteilt, dass die Polizei sich um wichtigere Dinge kümmern muss…“

Wichtiger?“, schreit Trent: „Was ist denn wichtiger als der Schutz der Demokratie?“

„Außerdem hat man uns am Telefon darauf hingewiesen, dass auch das gewaltsame Entfernen des Aufklebers strafbar sein könnte.“, erzählt der Tatzelwurm weiter.

Unfassbar!“, ächzt Trent frustriert und gibt der Laterne einen Tritt.

Flüssiger Stickstoff könnte eine Lösung sein!“, wirft die Kritische Katze ein, die soeben wieder aus dem Haus gekommen ist: „Wenn wir schon auf Lynchjustiz zurückgreifen, können wir den Aufkleber einfach kryogen sprengen – das ist bestimmt auch ziemlich schmerzlos.“

„Gute Idee, K.!“, findet Trent: „Wo bekommt man flüssigen Stickstoff? Im Baumarkt?“

„Eher nicht“, bezweifelt die Katze: „Apotheken und manche Arztpraxen haben sowas.“

„Bin gleich wieder da.“, kündigt Trent an, schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt los.

„Trent, warte!“, ruft der Tatzelwurm vergeblich: „Du kannst ihn doch nicht auf so eine Wild Goose Chase schicken! Die werden ihm doch keinen flüssigen Stickstoff aushändigen.“

„Es ist bestimmt nicht schlecht, wenn er das Gefühl hat, er hätte alles versucht. Die Apotheke ist ja um die Ecke.“, sagt die Katze: „Solange es Trents gibt, habe ich noch keine Angst um die Zukunft.“

„Aber ob es ausreichend Trents gibt?“, zweifelt der Tatzelwurm und liest den Aufkleber erneut: „Klingt ja erstmal nur nach einer protektionistischen Sorge um die Sicherheit der Grenzen, aber gemeint sind natürlich die nationalen Grenzen! Trent hat schon recht: mich macht diese reaktionäre Panikmache auch wütend. Hier wird versucht, Angst vor einer nicht-existenten, nebulösen Bedrohung zu evozieren und mittelfristig die Gesellschaft zu spalten.“

„Schlimm! Langfristig kann sowas vielleicht die Gründung der Föderation der Planeten verhindern.“, sagt die Katze und meint das ernst. Schnell ergänzt sie: „Sorry, ich bin es nicht gewohnt, derart provoziert zu werden.“

Trent kommt zurück und hält mit quietschenden Reifen. Er ruft: „In der Apotheke habe ich keinen flüssigen Stickstoff bekommen. Die haben mir gesagt, ich würde nirgendwo welchen bekommen wegen der geltenden Gefahrstoffverordnung. Was machen wir denn jetzt?“

„Ist auch besser so“, sagt die Katze: „Ich denke nicht, dass die Laterne einen frontalen Angriff mit flüssigem Stickstoff überlebt hätte – und gegen die Laterne haben wir doch nichts, oder?“

„Im Gegenteil!“, bekräftigt Trent: „Ich mag diese Laterne sehr gerne. Ich kann nachts den Lichtkegel von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen. Manchmal laufen da Marder herum. Ich habe auch mal einen Fuchs gesehen.“

Der Tatzelwurm kratzt sich am Kopf und macht plötzlich die Wickie-Geste: er umkreist seine Nüstern mit seiner Zeigekralle und geht ins Haus.

Trent schreit den Aufkleber an: „Das werden wir ja sehen! Wäre doch gelacht, wenn uns so ein tückisches Objekt überlegen wäre!“

Die Katze sieht nachdenklich aus. „Ein Ultraschallbad ist in der Praxis etwas knifflig – bei einer Straßenlaterne…“, murmelt sie.

„Was hältst du von Feuer, K.?“, schlägt Trent vor: „Können wir das Ding nicht abflämmen?“

„Es gibt Heißluftföne, die 600°C erreichen können“, weiß die Katze: „Daran kommt man auch einfacher als an flüssigen Stickstoff.“

„Worauf warten wir dann noch?“, drängelt Trent.

„Trent, du führst einen Krieg gegen ein Stück Polypropylen.“, sagt die Katze beschwichtigend.

Der Tatzelwurm kommt zurück mit einer Flasche Rapsöl und einem Lappen in den Krallen. Er pfeift seinen aktuellen Ohrwurm. Mit dem Lappen reibt er Öl auf den Aufkleber, zieht dann einen Radiergummi aus der Tasche und reibt damit den Aufkleber restlos weg.

Danach schaut er auf die Flasche und sagt: „Salat. Mit gerösteten Kürbiskernen und gebackenem Brie. In einer halben Stunde bei uns.“

Noch vor dem Essen hat Trent den Laternenpfahl gereinigt und mit dem triumphalen Lächeln eines Helden, der soeben die Welt gerettet hat, einen neuen Aufkleber angebracht. Er zeigt Rainbow Dash aus My Little Pony und ist beschriftet mit: „Sonic Rainboom – clearing the sky in 10 seconds flat„.

Melanie Martinez: Evil

Jahr2023
LandUSA
GenreProg Folk
Aha-MomenteTrent ist immer noch ganz aufgebracht, obwohl der gebackene Käse und das Himbeeressig-Dressing ihn ein wenig getröstet haben. Heute darf er aussuchen und er entscheidet sich für den Song, den Tatzelohrwurm schon die ganze Zeit pfeift: „Evil“ von Melanie Martinez.
Melanie, die heute ihren 31. Geburtstag feiert, hat ihre ersten beiden Alben von Musikfilmen begleiten lassen, in denen alle Songs des jeweiligen Albums eine Rolle spielten. Bei ihrem dritten Album „Portals“, von dem „Evil“ stammt, hat sie darauf verzichtet. Zu ihrem brandneuen Album gibt es bisher noch überhaupt keine Videos.
Hookline / Ohrwurm-MomentDer Tatzelwurm ist ganz begeistert von dem Glöckchen-Effekt, der über den federnden Gitarrensound und die flächigen Synths gestreut ist wie Glanzlichter und dem Song eine falsche Unschuld verleiht.
Visuelle HighlightsMelanie ist das vieräugige Feenwesen, das aus ihr nach dem Tod von Crybaby wird und das sie bis zu ihrer Wiedergeburt für die Dauer des Portals-Albums ist.

Måneskine: Gossip

Jahr2023
LandItalien
GenreAlternative Rock
Aha-MomenteVictoria de Angelis, die Bassistin und Namensgeberin der Band „Mondschein“ (auf dänisch), feiert heute ihren 26. Geburtstag.
„Victorias kraftvolles Bassspiel macht Måneskin mindestens so sehr aus wie Damianos Stimme.“, findet die Katze.
Hookline / Ohrwurm-Moment„Cool! Beruhigend groovy!“, kommentiert Trent.
Noch cooler: da ist Tom Morello von Rage Against The Machine mit einem sehr hübschen Solo!“, ergänzt der Tatzelwurm.
Visuelle Highlights“Ich weiß ja nicht, ob Tom seinen Job bei dieser Wach- und Schließgesellschaft wirklich ernst nimmt.“, fügt die Katze noch hinzu.

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