Sains et saufs

Claudias Nacht

Lupo schläft. Er hat sich in seinem Körbchen eingerollt und gibt leise Grunzlaute von sich. Normalerweise beruhigen Claudia Rüther diese Geräusche, die ihr Hund im Schlaf produziert.

Heute findet sie aber keinen Schlaf. Sie hat die Vorhänge zugezogen, aber das helle Licht des Vollmonds lässt die Wand in Fensternähe leuchten.

Heute ist es draußen lauter als sonst um diese Zeit, aber schließlich ist es auch die Nacht in den ersten Mai; viele Leute kommen vom Tanzen wieder oder wechseln einfach nur den Ort dafür. Beim Blick aus dem Fenster hat Claudia auch Gruppen von jungen Männern gesehen, die geschmückte Maibäume oder hübsche Blumengestecke transportierten, um sie dort anzubringen, wo ihre Freundinnen oder Angebeteten wohnen.

Claudia seufzt. Hier am Haus würde jedenfalls niemand etwas anbringen. Für wen auch? Sie muss daran denken, dass sie den unverschämten Kerl aus dem ersten Stock anfangs für ein Mädchen gehalten hatte – bis sie einmal bei ihm geklingelt hat, um ihn auf die häuslichen Pflichten aufmerksam zu machen, die in der Hausordnung für alle gelten.

Das Paar aus dem zweiten Stock wird ebenfalls keinen Maibaum aufstellen – Claudia hat noch keinen Grund gehabt, sich mit den Leuten näher zu befassen. Sie grüßen jedenfalls immer freundlich. Vermutlich sind ihnen die hiesigen Maibräuche gar nicht bekannt.

Bleibt noch die seltsame WG ganz oben.

Draußen heult ein Hund. Laut und langgezogen, aber nur einmal.

Damit ist das Maß voll! Claudia kann jetzt nicht länger im Bett liegen bleiben. Sie tastet nach ihrer Nachttischlampe – vorsichtig, damit sie den kleinen ovalen Porträtrahmen mit dem Foto von Lupo nicht umstößt -, kommt erst gegen den Bilderrahmen, der immer mit der Bildseite nach unten auf dem Nachttisch liegt, dann gegen ihre Smartwatch, die sie dorthin zum Aufladen gelegt hat, und findet schließlich den Lichtschalter.

Sie knipst das Licht an, schwingt die Beine aus dem Bett, inspiziert den Fußboden, schlüpft in ihre frottierten Hausschuhe, löscht das Licht wieder und steht auf.

Wenn die beiden in ihrer WG direkt über ihr nur nicht immer so laut Musik hören würden! Offensichtlich tanzen sie auch immer dazu.

Als Claudia zuletzt in ihrem Lieblingsgeschäft für Tierbedarf war, hatte es dort eine Aktion zur Lärmempfindlichkeit von Haustieren gegeben – mit Infotisch und passenden Produkten. Dort hatte sie einen Schallpegelmesser entdeckt, den sie witzig und außerdem niedlich fand, so dass sie ihn gleich gekauft hat. Das Gehäuse ist aus hellblauem Plastik und unterhalb des Displays ist ein Pudel modelliert, der in seinem Körbchen liegt. Oberhalb des Displays wurde eine Katze modelliert, ebenfalls in ihrem Körbchen. Beide Tiere sehen aus, als würden sie gerne schlafen, aber auf etwas horchen. Das Gerät liegt immer noch auf der Kommode im Flur. Sie hat Batterien dafür gekauft, damit es gleich in Betrieb genommen werden kann.

Das Gerät liegt dort seit Tagen, in denen Claudia darüber nachgedacht hat, ob ein so nützliches Objekt als kleines Dankeschön an die WG-Nachbarn für mittlerweile regelmäßige Spaziergänge mit Lupo nicht übertrieben ist.

Aber wie Lupolein sich immer freut, wenn er zum Spazieren abgeholt wird! Und der Pudel auf dem Gerät sieht Lupo doch auch irgendwie ähnlich. Und die Katze! Genau richtig für jemanden, der sich Katze nennt! Abgesehen davon natürlich, dass die Nachbarn aus dem vierten Stock mit dem Messgerät endlich feststellen können, wie übertrieben und rücksichtslos sie sich manchmal benehmen! Wie sagt man: das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Sie öffnet das Batteriefach des Geräts und legt die Batterien ein. Sofort leuchtet das Display auf und die Messmaschine macht röchelnde Geräusche wie ein Funkgerät, das nur Rauschen empfängt. Einen Ausschalter scheint es nicht zu geben.

Claudia betrachtet das zischende und blinkende Gerät und kommt zu dem Ergebnis, dass es in hübsches Geschenkpapier eingepackt werden muss, um nicht wie ein Gegenstand zu wirken, der einfach nur liegen gelassen wurde, wenn sie ihn als Präsent auf der Fußmatte der WG drapiert.

Sie greift in das Schrankfach, in dem das sorgfältig gefaltete Geschenkpapier aufbewahrt wird und schlägt das Phonometer darin ein. Erst als sie Klebestreifen anbringen will, merkt Claudia, dass sie parfümiertes Papier genommen hat, das nach Veilchen riecht.

Das geht natürlich nicht! Da könnte sie gleich einen Maibaum mit Herzchenbändern auftstellen. Sie faltet das Papier wieder zusammen und nimmt einen anderen silberglänzenden Bogen. Ärgerlich, dass das gesamte Schrankfach den Veilchenduft angenommen hat!

Jetzt oder nie! Claudia nimmt das nun in silberglänzendem Papier verpackte und ordentlich mit Wollgarn zugeschnürte Präsent sowie ihren Schlüsselbund und gleitet leise auf ihren Nicky-Schlappen ins Treppenhaus. Ganz behutsam schließt sie die Tür hinter sich, damit Lupo nicht aufwacht.

Was das wohl eben für ein Hund war, der so jämmerlich gejault hat? Das klang so nah. Obwohl sie in die andere Richtung muss, steigt Claudia Rüther zuerst die Treppe hinab ins Erdgeschoss und öffnet die Haustür.

Kaum ist sie draußen vor der Tür, schlägt diese hinter ihr mit einem gewaltigen Knall zu, der durch das Treppenhaus verstärkt wird.

Jeden Gedanken an fremde Hunde vergessen, öffnet Claudia die Haustür schnell wieder, als können sie dadurch den lauten Knall nachträglich dämpfen. Jetzt spürt sie auch den starken Luftzug, der ihr eben nicht aufgefallen ist. Die Klinke fest im Griff, schließt sie die Türe diesmal leise.

Claudia hört, wie ihr Herz hämmert. Jetzt aber leise, sonst ist gleich das ganze Haus auf den Beinen!

Da krächzt es in der Tasche ihres Morgenrocks und Claudia fährt zusammen vor Schreck.

Im gleichen Moment weiß sie, dass es nur das Schallpegelmessgerät in seiner Verpackung war, das ein weiteres Rauschen von sich gegeben hat. Sie nimmt es lieber in die Hände. Dann schleicht sie leise die Treppen wieder hinauf.

Als sie im ersten Stock angekommen ist, sieht sie, dass die Wohnungstür des unverschämten Kerls nur angelehnt ist. Sie bleibt stehen, betrachtet die Tür eingehend und überlegt.

Da brummt es erneut in ihren Händen, als ob sie einen gefangenen Maikäfer mit sich herumtragen würde. Beinahe lässt sie ihr Päckchen fallen vor Schreck.

„Sei still, du!“, zischt sie und eilt die nächste Treppe hinauf.

Als sie beinahe an ihrer Wohnung ist, hört Claudia ganz deutlich, wie sich unten im Treppenhaus eine Tür schließt.

Sie fährt herum. Es war nicht im zweiten Stock. Im ersten? Ganz unten die Tür zum Garten? Zum Keller? Jedenfalls ist sie nicht allein. Claudia steht mitten auf der Treppe und weiß nicht, was sie tun soll. Ihr Herz rast. Ihr Gesicht glüht. Unwillkürlich scheuert sie ihre linke Wade mit der Oberseite ihres rechten Frotteeschlappens am Fuß, obwohl der aufgenähte Bömmel bereits so locker ist. Sie sieht den runden Bömmel gerade noch fortrollen und erwacht dadurch aus ihrer Starre.

Die Glücksfeder! Im vierten Stock steht eine hohe Glücksfeder in einem großen runden Topf ganz am Ende des Treppenhauses. Claudia schleicht schnell weiter die Treppen hoch und versteckt sich hinter der Pflanze.

Nachdem sie viele lange Minuten still hinter der Pflanze gehockt, gelauscht und sich selbst dafür gescholten hat, dass sie ihre Smartwatch auf dem Nachttisch hat liegen lassen, ist Claudia ziemlich sicher, dass sie doch alleine im Treppenhaus ist.

Sie verlässt ihr Versteck und kommt sich etwas albern vor.

Da brummt das Päckchen in ihrer Hand wieder laut und auch diesmal geht ihr der Schreck durch Mark und Bein.

„Schon dreimal!“, ärgert sie sich halblaut: „Verflucht!“

Claudia legt ihr Präsent sanft auf die Fußmatte vor der Wohnungstür der WG und fühlt sich erleichtert. Hockend betrachtet sie es noch eine Weile. Vielleicht kann sie die Position verbessern, damit es besser zur Geltung kommt?

Lupo! Claudia hört Lupo winseln. Bestimmt ist der kleine Zwergpudel aufgewacht und hat gemerkt, dass er alleine ist. Claudia huscht schnell die Treppe hinab, hält vor ihrer Türe kurz inne – sie hat wieder das Gefühl, aus der Dunkelheit beobachtet zu werden – und schlüpft dann schnell durch die Tür. Dahinter wartet bereits ihr kleiner Liebling auf sie und sie begrüßt ihn herzlich: „Lupolein, ja, du Armer! Hast du Angst gehabt? War die Mama einfach weg? Jetzt ist die Mama wieder da! Jahaha, jetzt kann dir nichts mehr passieren!“

Nach diesem Abenteuer geht Claudia schnell ins Bett und kann rasch einschlafen.

Trents Nacht

Walpurgisnacht! Trents Nerven liegen blank. Er hat zusammen mit dem Tatzelwurm und der Kritischen Katze einen Hexenfilmabend gemacht. Sie haben Agatha All Along geschaut, Hellboy: The Crooked Man und schließlich Blair Witch Project.

Das war lustig, aber jetzt, alleine in seiner Wohnung, ist es Trent irgendwie mulmig. Das Haus ist so still – kein Wunder um kurz vor 2 Uhr in der Nacht! Dafür sind draußen auf der Straße ungewöhnlich viele Schritte zu hören, oft begleitet von lautem Gemurmel. Eben ist ein quietschendes Fahrrad vorbeigefahren, das dringend geölt werden müsste. Was für ein entnervendes Geräusch!

Trent stellt sich vor den Spiegel und beschimpft sein Spiegelbild: „Memme! Opfer! Hänsel! Reiss dich mal zusammen!“

Es hilft nichts: er braucht frische Luft. Trent wirft seinen Mantel über und geht raus auf die Straße. Die Luft ist warm und feucht, als ob ein Gewitter bevorstünde. Trotzdem ist der Vollmond gut zu sehen. Ganz wohl ist ihm immer noch nicht, wenn er so den fahlen Erdtrabanten betrachtet. Dann fällt ihm ein, dass er sich besser fühlen wird, wenn er nur selbst ein viel größeres, unheimlicheres Ungeheuer sein kann als alle vorstellbaren Hexen. Er versichert sich, dass er weit entfernt vom Schein der Straßenlaterne an einer vergleichsweise dunkle Stelle der Straße steht, legt den Kopf in den Nacken und heult wie ein Wolf, laut und langgezogen. Ja, das fühlt sich gut an!

Plötzlich knirscht es unter seinen Schuhen.

Trent erschrickt gewaltig und springt zur Seite. Na toll! Er stand in einer Bierlache, in der sich auch Scherben einer Flasche befinden. Immerhin ist es dunkel genug, dass er die Flüssigkeit vorher nicht bemerkt hat.

Zwei Bilder schießen ihm in den Sinn: betrunkene Feiernde, die vom Tanz in den Mai zurückgekehrt sind und keine Gewalt mehr über ihre Bierflaschen hatten. Ärgerlich! Außerdem muss er sich aber betrunkene Hexen vorstellen, die auf Besen durch den Nachthimmel fliegen und kichernd Bierflaschen fallen lassen.

Trent muss selbst kichern, schaut aber trotzdem zum Himmel und geht dann lieber wieder rein.

Drinnen öffnet er sein Schlafzimmerfenster und betrachtet den Lichtkegel der Straßenlaterne auf dem Asphalt. Normalerweise entspannt ihn das. Nach einiger Zeit spürt er Zugluft, obwohl sein anderes Fenster doch geschlossen ist. Mach nichts: er trägt immer noch seinen Mantel.

Dann gibt es einen lauten Knall – wie von einer Explosion!

Das kam aus dem Treppenhaus!

Ob die alte Gasheizung im Keller explodiert ist?

Trent läuft zur Wohnungstür und öffnet sie vorsichtig. Im Treppenhaus ist scheinbar alles ruhig und dunkel. Er geht vor die Tür und tastet nach dem Lichtschalter.

Da kommt jemand!

Im Dunkeln!

Trennt hört deutlich Atemgeräusche, die sich von unten nähern. Unwillkürlich stellt sich Trent vor, wie ein dämonisches Wesen unten im Haus mit einem lauten Knall erschienen ist und nun die Treppen empor kriecht. Er kauert sich in den dunklen Winkel des Treppenhauses, in dem der Unterverteilerkasten des ersten Stockwerks ist, und hält den Atem an. Trent denkt an Nightcrawler von den X-Men, über den er jetzt gerne mit dem Tatzelwurm fachsimpeln würde. Aber vor dem müssen nur Schurken Angst haben und es macht immer nur dumpf „Bamf“, wenn er aus dem Nichts erscheint – außerdem schläft der Tatzelwurm bestimmt schon.

Die Atemgeräusche kommen näher.

Eine Gestalt im Umhang betritt den obersten Treppenabsatz. Aber…

Das ist Frau Rüther! Trent ist zuerst erleichtert, aber als Frau Rüther unvermittelt stehenbleibt und seine Wohnungstür anstarrt, bleibt er doch lieber in seinem Versteck. Frau Rüther sieht unheimlich aus: im Dunkel des Treppenhauses, in das aus seiner Wohnung etwas Mondlicht dringt, wirkt ihr Gesicht sehr bleich. Ihre neuerdings schwarzen Haare verstärken diesen Eindruck noch. Frau Rüther ist in einen weiten Umhang gekleidet, dessen Farbe Trent nicht bestimmen kann, und hält etwas Unförmiges in den Händen.

Plötzlich hört Trent ein lautes Brummen wie von einem großen Insekt. Er hört Frau Rüther dringlich flüstern: „Still du!“. Dann läuft sie schnell die Treppen nach oben.

Trent hat Gänsehaut. Mit wem hat Frau Rüther gesprochen?

Als er weiß, dass Frau Rüther schon ein Stockwerk höher ist, traut Trent sich aus seiner dunklen Ecke hinaus. Es war dumm, seine Wohnungstür offen zu lassen! Ohne darüber nachzudenken zieht Trent sie zu und lässt sie ins Schloss schnappen. Wie geohrfeigt kneift er die Augen zusammen, als er das laute Geräusch hört.

Vorsichtig schleicht Trent die Treppen an der Wandseite hoch und achtet dabei auf seine Atmung. Durch die roten LEDs auf den Lichtschaltern in jedem Stockwerk ist es nicht völlig finster und Trents Augen haben sich soweit an die Dunkelheit gewöhnt, dass er das Treppenhaus schemenhaft erkennen kann.

Als etwas Kleines lautlos die Treppenstufen heruntergesprungen kommt, stockt Trent der Atem. Es nähert sich schnell und in großen Sprüngen. Eine Maus? Eine Kröte? Das muss es sein! Kröten gehören zu den klassischen Hexenvertrauten. Trent weicht dem heranspringenden Körper panisch aus und fällt um ein Haar die Treppe runter. Das hüpfende Etwas verschwindet unten in der Dunkelheit.

Trent ist sich jetzt ganz sicher, dass er eine äußerst verstörende Entdeckung gemacht hat – Frau Rüther ist vermutlich eine echte Hexe! Der Hund ist also nur Tarnung oder eine verwandelte Kröte oder was auch immer.

Ihm ist übel. Ihm wird klar, dass er nicht weiß, was er tun soll, wenn er Frau Rüther oben im Treppenhaus begegnet. Also schleicht er sich leise zurück in den ersten Stock, wo er abwarten will.

Trent muss eine ganze Weile warten, bis sich oben wieder etwas regt. inzwischen macht er sich die abenteuerlichsten Gedanken und späht immer wieder nach dem kleinen Tier, das noch irgendwo lauern muss. Dann hört er von ganz oben aus dem vierten Stock erst ein leises Rascheln wie von Blättern und dann zu seinem tiefsten Entsetzen wieder den aggressiven Brummlaut, gefolgt von Frau Rüthers gepresster Stimme, die beschwörend zischt: „Dreimal verflucht!“

Ein Hexenfluch! Was jetzt?

Trent eilt leise wieder die Treppe hinauf. Er hat schreckliche Angst, weiß aber aus unzähligen Filmen und Comics, das nur sein Eingreifen den rettenden Unterschied machen könnte.

Als er im dritten Stock anlangt, hört er hektische Geräusche hinter Frau Rüthers Wohnungstür. Der Hund muss gemerkt haben, dass im Treppenhaus etwas los ist. An der Tür wird gekratzt, Trent hört Hecheln und ein rhythmisches Schlagen, als würde der Pudel mit dem Schwanz gegen Stoff schlagen – einen Vorhang vielleicht. Jetzt fängt das dämliche Tier an zu winseln und wird richtig laut. Natürlich hört das auch Frau Rüther ein Stockwerk höher!

Trent hört, wie sie erschrocken einatmet und sich dann in Bewegung setzt. Schnell huscht er die Treppe wieder ein Stück hinab, behält aber die Tür im dritten Stock im Auge. Er sieht, wie Frau Rüther die Treppe herabkommt. Der aufgebauschte Umhang, den sie trägt, lässt sie aussehen wie einen Vampir.

Als sie an ihrer Tür ankommt, bleib Frau Rüther jäh stehen und dreht den Kopf in seine Richtung.

Trent zittert am ganzen Leibe, denn er ist sicher, dass Frau Rüther ihn genau ansieht.

Ihre riesigen Augen scheinen in ihrem bleichen Gesicht zu funkeln.

Dann verschwindet sie doch in ihrer Wohnung. Trent muss erst einmal durchatmen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit traut er sich, die Treppen in den vierten Stock hochzusteigen und dort die Flurbeleuchtung einzuschalten.

Ein weiterer Schreck fährt ihm in die Glieder: der unförmige Gegenstand, den Frau Rüther eben in den Händen gehalten hatte, liegt auf der Fußmatte vor der Tür von Tatzelohrwurm und der Kritischen Katze.

Was auch immer es ist – es ist in silbern glänzende Folie eingepackt, die zu glatt ist für küchenübliche Alu-Folie, aber Trent dennoch daran erinnert. An zwei Enden ist es wie eine Wurst brutal fest zugeschnürt – vermutlich, damit es nicht rauskann. Trent merkt, dass ihm immer noch schwindlig ist. Todesmutig beugt Trent sich über das Paket auf der Fußmatte. Die Schnüre sind aus Wolle. Natürlich!

Und was ist das für ein Geruch? Es riecht nach irgendwelchen Kräutern. Alles passt zusammen!

Das ist ganz klar die Handschrift einer Hexe.

Völlig unvermittelt brummt das Paket wieder und Trent muss sich gegen die Wand lehnen und den kühlen Steinboden spüren, um nicht die Besinnung zu verlieren – so glaubt er. Das Brummen geht in ein leiseres Summen über.

Ganz klar ein Insekt!

Wer verpackt ein Insekt? Und in welcher Absicht?

Jedenfalls in keiner guten, das ist klar. Trent hat immerhin selbst gehört, wie Frau Rüther damit geredet und schließlich einen Hexenfluch darüber ausgesprochen hat!

Er kämpft ein paar Augenblicke gegen seinen Widerwillen, dann hebt er das Paket hoch. Er staunt, wie schwer es ist. Wie ein Tablet etwa.

Was muss das für ein riesiges Insekt sein!

Beinahe lässt Trent das Paket angeekelt fallen, aber dann greift er es an den zugeschnürten Enden und trägt es bis ins Erdgeschoss hinunter. Er ist nicht vorbereitet: er weiß nicht, was man am besten gegen diese Art von schwarzer Magie unternimmt. Aber es ist spät und Trent spürt nun eine gewisse Erschöpfung. Daher beschließt er, das Problem auf den nächsten Tag zu verschieben und wirft das Paket in die Mülltonne vor dem Haus, die einen beruhigend schweren Deckel hat.

Erleichtert lehnt er sich gegen die Hauswand und bemerkt erst jetzt den syrischen Nachbarn aus dem zweiten Stock, der auf dem Bürgersteig vor dem Haus steht und zufrieden einen großen Maibaum betrachtet, den er am Vordach der Haustür festgemacht hat.

Er grinst Trent zu und grüßt halblaut: „Hey Trent!“

Salam, Anas!“, erwidert Trent und merkt, dass er etwas außer Atem ist.

Anas kommt auf Trent zu und klopft ihm gegen die Schulter. „Für die Madama.“, sagt er lächelnd und deutet mit seinem Kopf auf den Baum.

„Da wird sie sich freuen. Ist cool.“, erwidert Trent.

Anas geht ins Haus zurück und Trent folgt ihm ein paar Minuten später.

Es ist halb vier auf Trents Smartphone, als er sich ins Bett legt.

Trent schläft augenblicklich ein und schläft in diesen frühen Morgenstunden den Schlaf der Gerechten.

Epilog

Es ist halb acht am Morgen des ersten Mai, als die Kritische Katze mit einem breiten Lächeln aus der Wohnung tritt, um das Granulat ihrer Treppenhauspflanze zu prüfen. Auf der Fußmatte bleibt sie wie eingefroren stehen. Sie schnuppert. Dann beugt sie sich hinab und riecht an der Fußmatte: Bier und Veilchen. Die Katze kratzt sich nachdenklich hinter dem Ohr. Dann geht sie nach unten, um sich die Straße anzusehen. Mit ein paar Fotos des beeindruckend großen Maibaums vor dem Haus auf ihrem Handy und einer rosa Stoffkugel, die sie am Fuß der Treppe gefunden hat, kommt sie wieder nach oben. Dort kümmert sie sich kurz um die Pflanze , umrundet einmal den Topf, schüttelt aber dann den Kopf, dreht sich dann vor der Fußmatte einmal um sich selbst und lächelt.

„Hmmmmmm!“, sagt die Katze langgezogen zu sich selbst und geht wieder rein.

Zaz: Mon sourire

Jahr2025
LandFrankreich
GenreFolk
Aha-Momente„Ich habe unsere Fußmatte weggeschmissen. Wir brauchen eine neue.“, sagt die Katze abends, als sie mit dem Essen fast fertig ist.
„Hä? Die haben wir doch erst vor ein paar Wochen gekauft!“, wundert sich der Tatzelwurm und versucht den Rest Soße mit einer Nudel und einem Stück grünem Spargel aufzunehmen.
„Hat komisch gerochen und ließ sich nicht gut waschen. Wir brauchen eine neue.“, insistiert die Katze.
„Bei der Gelegenheit habe ich was Verrücktes entdeckt.“, teasert die Katze: „Aber lass uns ruhig erst Geburtstag feiern. Zaz wird heute 46.“
Hookline / Ohrwurm-Moment„Ich habe den Kindern des Mondes nichts außer meiner Lebensfreude zu bieten.“, schwärmt der Tatzelwurm verträumt: „Kannste auch nur auf Französisch singen, sowas.“
„Klingt fast okkult„, kommentiert die Katze, stellt aber gleich wieder singend unter Beweis, dass ihr Französisch besser ist.
Visuelle Highlights„Schau mal, ist das das Konzert, auf dem wir waren?“vermutet der Tatzelwurm.
„Da hat sie kein Stagediving gemacht.“, antwortet die Katze: „Das hättest du wohl gerne.“
„Zaz ist schon toll!“, sagt der Tatzelwurm: „Von dieser Energie und dieser guten Laune kann ich gar nicht genug bekommen.“
„Dann mach mal lauter!“, fordert die Katze.

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