On the ground these days

Mit einem großen Blumenkohl in den Pfoten huscht die Kritische Katze durchs Treppenhaus und ist dabei auf Lautlosigkeit bedacht, um nicht von Frau Rüther, der Dame mit dem kleinen Hund aus dem dritten Stock, bemerkt zu werden.

Die Nachbarin, die bis vor kurzem die Einhaltung eines (vermutlich selbst entworfenen) Putzplans für das Treppenhaus von allen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses erwartete und sie notfalls einforderte, ist in dieser Hinsicht neuerdings äußerst nachsichtig mit der Kritischen Katze und ihrem WG-Mitbewohner, dem Tatzelwurm Tatzelohrwurm.

Diese neue Verhaltensweise zeigt Frau Rüther, seit die Katze einmal mit ihrem kleinen Zwergpudel Lupo einen Spaziergang gemacht hat. Die Katze versucht aber dennoch unentdeckt zu bleiben, um nicht ein weiteres Mal um die Betreuung des Hundes gebeten zu werden – jedenfalls nicht heute.

Sie hat aber die Rechnung ohne Lupo gemacht.

Der Pudel hat die Katze längst bemerkt und bellt hinter der Wohnungstür, als die Katze den dritten Stock gerade erreicht hat. Frau Rüther öffnet die Tür, als die Katze fast im vierten Stock ist, wo sich die WG befindet.

Naaa?“, hört die Katze laut hinter sich die Stimme von Frau Rüther: „Wenn das mal nicht die freundliche Nachbarskatze ist! Oder, Lupolein? Ja, das ist sie!“

Kritische Nachbarskatze!“, möchte die Katze korrigieren, besinnt sich aber auf: „Hallo Claudia!“

Frau Rüther kommt die Treppe hoch, bis sie dicht vor der Katze steht, beugt sich vor und reißt die Augen groß auf, wobei sich ihre Stirn in sorgenvolle Falten legt. Dann flüstert sie halb: „Ist denn alles in Ordnung bei euch?“

Die Katze fühlt sich mal wieder einem medizinischen bildgebenden Verfahren ausgesetzt und argwöhnt erneut, dass Frau Rüther möglicherweise über übernatürliche Fähigkeiten verfügt, mit denen sie das Seelenleben ihres Gegenübers zu durchleuchten versucht. Aus genau diesem Grund ist es natürlich vernünftiger, möglichst an etwas Anderes zu denken, zum Beispiel an die wahrscheinlichere Möglichkeit, dass dies Frau Rüthers normale Art der Begrüßung ist.

„Alles bestens, Claudia!“, sagt die Katze: „Und bei dir?“

Wirklich?“, bohrt Frau Rüther, nickt mit dem Kopf und öffnet die Augen sogar noch weiter: „Bei uns ist auch alles fein, nicht wahr, Lupolein? Ja, alles ist ganz fein, nicht wahr? Ihr.., äh, dein…Freund? ist im Garten unten. Er ist da vor zwei Stunden mit einem Stapel Heftchen hingegangen.“ Das Wort „Heftchen“ spricht Frau Rüther aus, als würde es sich um etwas Unanständiges handeln, findet die Katze.

Die Katze tätschelt sanft Lupos Kopf, denn der Hund ist ebenfalls die Treppe hoch gelaufen und hat sich schwanzwedelnd vor die Kritische Katze gesetzt. Dann macht sie sich auf den Weg nach unten.

„Lupolein würde sich übrigens ganz doll freuen, wenn ihr nochmal zusammen spazieren ginget.“, ruft Frau Rüther der Katze in einem süßlichen Singsang nach: „Ja, das würdest du! Das würdest du, braver kleiner Lupo! Morgen soll ja auch schönes Wetter sein!“

Die Katze staunt kurz, wie es Frau Rüther gelungen ist, das Wort „Wetter“ dreisilbig auszusprechen (Wehetter?), nickt dann aber und eilt nach unten.

An der schweren Tür, die aus dem Treppenhaus in den Garten führt, hängt wieder der Putzplan. Die Katze hat selbst damit begonnen, ihn als Gartenbelegungsplan zweckzuentfremden. In der untersten ausgefüllten Zeile ist in der Handschrift des Tatzelwurms zu lesen: „25.04., Nachmittags: Keltologische Forschung“.

Im kleinen Garten hinter dem Haus sitzt der Tatzelwurm an dem rostig-weißen Gartentisch, der zur Hausausstattung gehört, auf einem Klappstuhl. Auf dem Tisch liegt seine gesamte Asterix-Sammlung in zwei Stapeln und dazwischen steht ein großes Glas Chai Latte.

Hier finde ich dich also mit deinen schmutzigen Heftchen, mein Freundchen!“, wettert die Katze laut und erschreckt den Tatzelwurm so sehr, dass Der Papyrus des Cäsar beinahe im Gras landet.

„Schon in der Conrad/Ferri-Ära angelangt?“, stellt die Katze mit Kennerblick fest.

„Ich lese nicht alles, ich blättere nur.“, erklärt der Tatzelwurm.

„Ich wusste nicht , dass der 99. Geburtstag von Uderzo eine Bedeutung für dich hat.“,sagt die Katze beiläufig, beweist damit aber, dass sie natürlich alle relevanten Geburtstage im Kopf hat.

„Es ist größer als das.“, antwortet der Tatzelwurm ernsthaft: „Heute ist außerdem der Tag des Baumes. Und das bringt uns zu…?“

Die Katze muss nicht lange nachdenken. Sie tippt sich an die Stirn und beide rufen gleichzeitig: „Idefix!“

„Idefix wird in diesem Jahr auch schon 63.“, erläutert der Tatzelwurm: „Ich mag mir gar nicht ausrechnen, was das in Hundejahren wäre!“

„Dabei hatte ich für heute schon genug Hunde!“, seufzt die Katze: „Wir müssen übrigens morgen nochmal Gassi gehen.“

Du musst Gassi gehen!“, stellt der Tatzelwurm klar: „Jedenfalls musste ich mir alle Idefix-Szenen nochmal ansehen, um einschätzen zu können, ob Idefix wirklich so ein großer Umweltschützer ist, wie immer angenommen.“

„Alles Framing!“, behauptet die Katze: „Seine Erfolgsbilanz beim Schutz von Bäumen ist jedenfalls katastrophal und außerdem geht er doch auch auf Wildschweinjagd, oder?“

„Ja, aber er erlegt keine Wildschweine. Er spürt sie „nur“ auf – schließlich ist er auf die Knochen aus! Und seine Rolle als Baumschützer kommt mir tragisch vor, weil es auch in fast allen Fällen einer der Gallier ist, der einen Baum ausreißt – meistens Obelix. Das ist doch realistisch: er ist wie ein Veganer in einer fleischessenden Familie. Er leidet, aber niemand nimmt auf ihn Rücksicht – er bekommt allenfalls nachträgliche Entschuldigungen. Seinen Knochenkonsum finde ich allerdings bedenklich: manche Knochen sehen aus, als stammten sie von Dinosauriern oder sogar … Drachen!“, führt der Tatzelwurm aus.

Die Katze hat sich „Der Sohn des Asterix“ geschnappt und schmökert darin. Dabei antwortet sie: „Ich muss dir doch jetzt nicht erklären, wie man französische Comics liest? Die Knochen sind nur deshalb so groß, weil Idefix sich so sehr darüber freut. Und weil Uderzo ein Kind seiner Zeit war – so wie wir alle -, hat er sich dabei nicht viel gedacht und wollte bestimmt keinen Drachen zu nahe treten. Er hat den Hund so gezeichnet, wie Hunde eben sind.“

„Das ist der interessante Punkt!“, wirft der Tatzelwurm ein: „Ich glaube nicht, dass Idefix überhaupt ein Hund ist!“

Jetzt ist die Kritische Katze verblüfft: „Sondern? Also, ich sage es dir gleich: er ist jedenfalls keine Kritische Katze! René Gescinny war möglicherweise eine, aber nicht Idefix!“

Schau ihn dir doch an!“, fordert der Tatzelwurm: „Er hat den gleichen Schnurrbart wie Asterix und die meisten anderen Gallier – er ist also einer von ihnen. Die Handlung überfordert ihn manchmal – gerade in den von Goscinny geschriebenen Bänden. Aber er unterstützt die Gallier nach Leibeskräften. Selbst wenn sie sich so verhalten, dass er darunter leidet! Er hasst römische Legionäre, denn in Asterix stehen die immer sinnbildlich für die Faschisten. Er kommentiert die einzelnen Szenen oft durch Mimik oder Gestik, aber…“

„Aber er ist stumm.“, setzt die Katze fort, die der Beweisführung bis hierher gebannt zugehört hat.

„Im Gegensatz zu Jolly Jumper oder Rantanplan ist er stumm, genau!“, bestätigt der Tatzelwurm: „Die mit den Leser:innen sprechenden Tiere Jolly Jumper und Rantanplan in Lucky Luke waren Geschöpfe von Goscinny, die er brauchte, um die Meta-Ebene zu erreichen, denn – wie du einmal über Lucky Luke gesagt hast – Goscinny nahm seine Geschichten erst genug , um Witze darin, aber nicht darüber zu machen. Dafür ist Jolly Jumper da. Aber Idefix…“

„Idefix ist Uderzo!“, schlussfolgert die Katze: „Wie raffiniert! Bravo, Tatzi! Siehst du: das ist genau der Grund, warum ich deine Comic-Sammelleidenschaft nach Kräften fördere! Ich muss zugeben, dass ich Uderzo unterschätzt habe. Lass bitte die Bände ab „Der große Graben“ mal draußen liegen – ich werde sie revidieren müssen.“

„Was hast du eigentlich mit diesem Blumenkohl vor, den du die ganze Zeit in den Pfoten hältst?“, fragt der Tatzelwurm: „Machst du daraus Lesezeichen?“

Die Katze wirft dem Blumenkohl einen irritierten Blick zu und sagt: „Ich hatte gehofft, dass wir die Röschen marinieren und braten können und du deine Manchurian-Soße dazu machst. Natürlich nur, wenn du eine Forschungspause einlegen kannst.“

„Forschung macht hungrig!“, sagt der Tatzelwurm und steht auf: „Auf Blumenkohl und Ohrwürmer!“

Ella Fitzgerald and Duke Ellington and his orchestra: It Don’t Mean a Thing (If t Ain’t Got That Swing) (Live at the Ed Sullivan Show, 07. 03. 1965)

Jahr1965
LandUSA
GenreSwing
Aha-MomenteElla Fitzgerald, die Queen of Jazz, würde heute ihren 109. Geburtstag feiern. Bei diesem Fernsehauftritt zusammen mit Duke Ellington und seinem Orchester stellt Ella ihren berühmten Scat-Gesang in den Vordergrund.
„Wenn Billie wie ein Saxophon klingt, dann ist Ella eine Posaune.“, findet der Tatzelwurm: „Hör mal, wenn bei Zeitmarke 0:37 die Blechbläser einsetzen. Ella ist ihre Anführerin!“
„Du sprudelst heute gerade zu vor Erkenntnissen!“, lobt die Katze.
Hookline / Ohrwurm-Moment„Noch jemand, der immer unterschätzt wurde!“, bemerkt der Tatzelwurm: „Duke Ellington wurde als Pianist immer belächelt – dabei ist sein Solo hier doch sehr hübsch!“
Hübsch ist gar kein Ausdruck!“, moniert die Katze: „Er ist der Bandleader, der wesentliche Rhythmusgeber des Orchesters, der einzige Solist neben Ella, greift ihre Improvisation auf und ergänzt noch ein paar eigene Dekorationen. Bei halsbrecherischer Geschwindigkeit! Er zeigt hier, was Swing sein kann, in einer Zeit, in der die coolen Kids mit Free Jazz experimentierten.“
Visuelle HighlightsIn der Ed Sullivan Show hat die Bildregie nur Augen (und Licht) für Ella und den Duke.

Marillion: Sugar Mice (Katzenohrwurm)

Jahr1987
LandUK
GenreProg Rock
Aha-MomenteWenn man Derek Dick heißt, braucht man als Sänger dringend einen Künstlernamen. Da klingt Fish gleich viel netter.
Fish, der heute 67 Jahre alt wird, war nur sieben Jahre lang Sänger von Marillion – sieben Jahre, in denen vier herausragende Alben entstanden sind, die die Kritische Katze sehr liebt. Mit Fish hatten Marillion ihren bis heute größten Hit. Seine außergewöhnliche Stimme und seine persönlich klingenden Texte sind den Fans so sehr im Ohr geblieben, dass sein seit 37 Jahren amtierender Nachfolger bei Marillion immer noch „der Neue“ genannt wird.
„Bei Sugar Mice kommen mir immer die Tränen!“, sagt der Tatzelwurm ehrfürchtig.
„Und bei Blind Curve, Warm Wet Circles, White Feather, Forgotten Sons, Just Good Friends und Punch and Judy! Fish macht es dir wirklich nicht leicht.“, ergänzt die Katze.
Hookline / Ohrwurm-Moment„Ohne Fish können Marillion immer noch Marillion sein, aber nicht ohne Steve Rothery!“, proklamiert die Katze: „Hör dir diesen Gitarrensound an! Da können nicht einfach Didier Conrad und Fabcaro kommen und es nachmachen!“
„Auch da nicht!“, stimmt der Tatzelwurm zu.
Visuelle HighlightsMarillion doppelt: die Band taucht in der Barszene als Fata Morgana aus einer Flüssigkeitslache auf, obwohl sich alle Bandmitglieder auch (verkleidet) in der Bar befinden.


Fish: Credo (Tatzelohrwurm)

Jahr1991
LandUK
GenreHard Rock
Aha-MomenteAls Solo-Künstler war Fish nie so erfolgreich wie mit Marillion, aber mit dem Internal Exile-Album, von dem die Single Credo stammt, hätte er es beinahe in die Top 20 im UK geschafft!
Hookline / Ohrwurm-MomentDer Tatzelwurm singt laut mit, viel lauter als Fish: „The more you scream, the less you hear,
Or that`s how it used to be.
But I just can’t tell the difference
Anymore these days
. Wegen solcher Texte liebe ich Fish!“
Bei „It don’t mean nothing!“ stimmt die Katze in den Gesang ein und sagt: „Schau: da schließt sich der Kreis!“
Visuelle HighlightsFish schaut zu viel Fernsehen, da sind wir uns wohl alle einig.

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