RSD!

2:00 Uhr

Das Weckersignal klingt ungewöhnlich laut und unfreundlich, findet Tatzelohrwurm, der verwirrt um sich tastet, bis er sein Mobiltelefon findet und das Signal ausschalten kann. Er setzt sich auf und lässt die Beine aus dem Bett baumeln. Als er sich sicher ist, dass er sich den Duft von Kaffee, der in seine Nüstern dringt, nicht nur einbildet, knipst er das Licht an und steht entschlossen auf. Als er im Morgenmantel in den Flur tritt, steht dort die Kritische Katze, bereits vollständig angekleidet und mit einem großen Becher dampfendem Kaffee in den Pfoten, und fragt: „Kommst du?“

Die Kritische Katze freut sich schon seit dem letzten Jahr auf den diesjährigen Record Store Day und hat das heutige Datum überall markiert, wo sie konnte; sogar auf das Laptop des Tatzelwurms hat sie einen Post-it geklebt, auf dem sie die Buchstaben RSD in drei verschiedenen Farben in ein rosafarbenes Herz gemalt hat.

Gestern Abend kam das Thema unweigerlich auch zur Sprache („wir müssen früh raus“) und Trent, der Nachbar aus dem ersten Stock, der zum Filmabend da gewesen war, war sofort Feuer und Flamme. In den letzten Jahren musste man jedesmal früher vor dem kleinen Schallplattenladen in der Altstadt sein, um noch eine der begehrten exklusiven Pressungen ergattern zu können. Deshalb wurde gestern in der WG verabredet, dass man nachts aufbricht.

3:13 Uhr

Die Kritische Katze hat schon mehrfach beinahe einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil der Tatzelwurm darauf bestanden hat zu duschen, sein Gesichtsfell zu trimmen, seinen Kaffee auszutrinken und eine Thermoskanne mit heißem Kaffee einzupacken. Jetzt stehen die beiden vor der Wohnungstür von Trent, der auf Textnachrichten bisher nicht reagiert, ja: sie nicht einmal gelesen hat. Der Tatzelwurm drückt auf den Klingelknopf und das unangenehm durchdringende Brummgeräusch, das die Katze „eingesperrte Hornisse“ nennt, tönt durchs Treppenhaus.

Erschrocken zieht der Tatzelwurm seine Kralle zurück. Nach zehn Sekunden sagt die Katze: „Hat keinen Zweck; lass uns gehen.“

„Gib ihm eine Chance!“, plädiert der Tatzelwurm: „Wir sind ziemlich früh dran.“

Die Katze klopft kräftig und laut an die Wohnungstür und ruft: „Trent!“

Irgendwo im Haus tut sich etwas.

„Komm, wir gehen!“, sagt die Katze nach einer halben Minute und dreht sich weg.

„Nun sei doch nicht so hastig!“, bittet der Tatzelwurm: „Wir sind doch gleich schnell da.“

„Nicht zu Fuß!“, schimpft die Katze.

Der Tatzelwurm klingelt erneut und erschreckt sich auch wieder.

Irgendwo oben im Haus wird eine Wohnungstür aufgerissen und die Stimme der Dame mit dem kleinen Hund aus dem dritten Stock schallt schrill und wütend durch das Treppenhaus: „Brauchen Sie jemanden, der Ihnen die Uhrzeit ansagt? Die anständigen Leute hier brauchen ihren Schlaf!“

„Sorry, gnädige Frau“, antwortet der Tatzelwurm halblaut: „Wir werden keinen Lärm mehr machen.“

Die Katze tritt gegen Trents Wohnungstür und murmelt: „Jedenfalls nicht hier.“

Aus Trents Wohnung dringt ein dumpfer Knall.

„Brauchen Sie Hilfe da unten?“, schreit die Dame von oben und klingt dabei gar nicht hilfsbereit. Jetzt ist von oben auch aufgeregtes Hecheln und das Klimpern eines Hundehalsbands zu hören. „Ja, ist ja gut, Lupo! Du Armer, bist du aufgeschreckt? Lupolein, es ist aber Heia-Zeit. Mama geht jetzt nicht mit dir Gassi. Neini, neini.“, tönt es von oben. Dann ein leiser Winsellaut, gefolgt von der sehr verärgert klingenden Stimme der Dame aus dem dritten Stock: „Na TOLL! Jetzt ist das arme Tier ganz verstört! Du musst nicht weinen, Lupo. Mama gibt dir ein Hupferle und dann machen wir wieder schön bubu!“

„Das ist Tierquälerei, Ma‘am!“, ruft die Katze laut.

„Jetzt ist aber das Maß voll!“, schreit die Dame: „Das hat ein Nachspiel!“

KEINE POLIZEI!“, schreit plötzlich Trent hinter seiner Wohnungstür.

„Beeil dich endlich, Trent!“, ruft die Katze: „Wir warten an den Rädern.“

4:22 Uhr

Die drei Fahrräder aneinander und an einen Laternenpfahl gekettet, kommt die Gruppe am Schallplattenladen an. Zwölf Leute warten dort bereits. Zwei Paare sitzen beisammen in Hauseingängen, vier junge Frauen sitzen auf Kissen auf dem Boden, drei Männer jenseits der 50 haben einen Kreis gebildet und hocken auf leeren Getränkekisten. Ein Mann sitzt ganz vorne auf einem Campingstuhl und schreibt unablässig auf seinem Telefon.

„Wann macht der Laden eigentlich auf?“, fragt Trent leise die Katze.

„Um 10 macht die Frauke regulär auf.“, meldet sich einer der Männer auf den Kisten zu Wort und der ganze Kreis dreht sich den drei Freunden zu. „Aber die kennt uns ja“, fährt der Mann fort und deutet auf seine beiden bisherigen Gesprächspartner: „Vielleicht lässt sie uns auch ein paar Minuten früher rein – wenn es kalt ist.“

Mir ist kalt“, murmelt Trent.

„Mädels ist immer kalt!“, weiß einer der Männer aus dem Kreis: „Ich keine kein Mädel, das nicht immer kalte Füße hat. Schatz, heißt es dann immer, kannst du mir die Füße wärmen?“ Den letzten Satz sagt er mit unnatürlich hoher Stimme und die beiden anderen Männer lachen.

„Ärgerlich nur, dass heiße Luft kondensiert“, antwortet die Katze: „Dann sind die Füße anschließend noch kälter und auch noch feucht.“

Der Tatzelwurm zieht die Katze und Trent ans Ende der Schlange und beendet damit vorerst den verbalen Schlagabtausch.

7:05 Uhr

Die Bäckerei einen Block weiter hat geöffnet, erzählt der Mann im Campingstuhl. Mit ihm ist Trent inzwischen ins Gespräch gekommen über geistige, gesellschaftliche, popkulturelle und bewaffnete Revolutionen. In der Schlange, die sich mittlerweile bis zum Ende der Straße erstreckt, werden alle nervös, die sich nicht trauen, ihre Position für einen kurzen Abstecher zur Bäckerei zu verlassen. Die Thermoskanne ist leer, denn die Kritische Katze musste wiederholt mit Kaffee beruhigt werden, wenn die Männer auf den Getränkekisten darüber debattierten, ob die Single von Taylor Swift wohl eine gute Geldanlage sei („Ist auch nicht mehr, was sie mal war. Ich hätte mir besser die Long Pond Sessions vor sechs Jahren gekauft – die hätte ich niemals ausgepackt und dann wäre die jetzt richtig was wert.“) oder wie gut die Chancen stehen, an die RSD-Edition Vinyl von Bryan Adams zu kommen, wo doch alle anderen bestimmt nur auf Charlie XCX und „diesen ganzen Krempel“ aus sind („so richtig wertige Musik wird ja gar nicht mehr gemacht. Kann ja keiner mehr!“). Trent bietet also an, Kaffee und Croissants bei der Bäckerei für die WG und den Mann im Campingstuhl zu holen und wird gefeiert, als er damit wiederkommt. „Einer muss ja vorangehen und die Bewegung ins Rollen bringen.“, kommentiert Trent und zwinkert in Richtung Campingstuhl.

8:35 Uhr

Frauke biegt um die Ecke, springt von ihrem Rad, das sie an einer Beetumrandung festmacht, und begrüßt mit ausgebreiteten Armen die Schlange der Wartenden, bevor sie ihr Geschäft aufschließt.

Der Tatzelwurm ist sehr erleichtert, denn Trent und die Kritische Katze sind kurz davor, eine Schlägerei vom Zaun zu brechen. Bert, der Experte für Frauenfüße, hat eben ein Gespräch mit dem Eisbrechersatz: „Ihr beiden Süßen seht aus, als wäret ihr wegen Taylor Swift hier“ beginnen wollen. Trent wollte daraufhin wissen, wie solche Leute denn wohl aussehen. Die Kritische Katze hat ihren Blick über Bert streifen lassen und geantwortet: „Und du Schnuckel bist wegen Falco hier, stimmt’s?“ Dass sie damit ins Schwarze getroffen hat, schien sie selbst zu erstaunen. Als Bert anschließend über den Sammler- und Materialwert der 7-Inch Gold Vinyl Single „Rock me Amadeus“ zu schwadronieren beginnt („mal abgesehen davon, dass das noch Musik war – für die Ewigkeit! Ist in den letzten 40 Jahren nicht gealtert; Taylor hingegen…“), verengen sich die Augen der Katze zusehends.

„Du glaubst doch nicht allen Ernstes…“, beginnt sie, als Frauke eintrifft.

Frauke zieht jedenfalls die Aufmerksamkeit aller auf sich und genießt das auch – sie raucht noch eine Zigarette und möchte ein wenig plaudern, bevor sie schließlich doch den Verkauf eröffnet.

„Frauke, du bist eine Heldin!“, sagt der Tatzelwurm, als er sich in den kleinen Laden zwängt.

„Ich weiß“, sagt Frauke gelassen.

„Im Ernst!“, insistiert der Tatzelwurm: „Ich glaube, du hast gerade ein paar Leute vor einem schlimmen Schicksal bewahrt.“

Frauke ist unbeeindruckt und bedient die Plattenwünsche, die ihr von den Frauen mit den Sitzkissen zugerufen werden. Zu Tatzelohrwurm sagt sie nur: „Ey, ich rette heute so viele Schicksale, dass ich mich vermutlich als verdammte NGO anmelden muss!“

Die Kritische Katze stößt den Tatzelwurm von hinten mit dem Ellbogen an und befiehlt: „Nicht flirten – ausschwärmen!“

11:41 Uhr

Endlich wieder zurück zuhause, finden die Katze und der Tatzelwurm einen mit Wasser gefüllten Eimer, eine Flasche Reiniger, einen Feudel, einen Besen und einen Schrubber gegen ihre Wohnungstür gelehnt. An der Tür klebt ein Zettel, auf den handschriftlich geschrieben steht: „Höchste Zeit!!!“

„Hey, K! Hey, T!“, ruft Trent begeistert und spricht die beiden Buchstaben weiterhin englisch aus: „Joy Denalane war bei euch zu Besuch!“

Drinnen in der Wohnung legen Trent und die Katze ihre Beute zusammen, während der Tatzelwurm die Lebensmittel wegräumt, die er auf dem Heimweg kaufen wollte.

Die Katze hat:

  • Die violett-transparente Elizabeth Taylor-Single mit Glitzereffekten von Taylor Swift
  • Die erste LP aus der Tiberi Tapes-Reihe mit Live-Aufnahmen eines John Coltrane Quartetts, das noch nicht das klassische war.
  • Das exklusive 3-LP-Set From Bebop to Blue in Silber und Schwarz, das den Werdegang des jungen Miles Davis begleitet.

Trent hat:

  • Das 50th Anniversary Steven Wilson Remix von Motörhead‘s On Parole.
  • Die 40g Single party 4 u von Charlie XCX in Ultra clear Vinyl
  • Die Droplets EP von Selena Gomez in Clear Vinyl mit aufgedruckten Wassertropfen

Der Tatzelwurm hat aber die eigentliche Sensation zu bieten. Er hat:

  • Die knallrote Touch/Gabriela 12-Inch Maxi Single von Katseye
  • Eine Sepia-farbige Pressung von El club de la pelea I der argentinischen Band Airbag.

„Wie bist du denn daran gekommen?“, fragt die Katze skeptisch: „Ich habe Frauke nach Katseye gefragt, aber sie konnte mir nichts davon geben. Und Airbag standen nicht auf der Liste – das wüsste ich doch!“

„Ich kenne Airbag gar nicht.“, sagt Trent, als wäre die Band deshalb illegal..

„Ich habe einfach im Laden gestöbert“, verteidigt sich der Tatzelwurm.

„Der Tag hat ganz klar gezeigt, dass man euch beide eigentlich nicht vor die Tür lassen kann. Aber es ist scheinbar deine Superkraft, gute Musik zu finden, T.“, fasst Trent zusammen: „Also machen wir doch jetzt einfach das, was wir am besten können!“

Airbag: Anarqía en Buenos Aires (live im Estadio River Plate, Buenos Aires, Dezember 2025)

Jahr2025
LandArgentinien
Genre Hard Rock
Aha-MomenteTatzelohrwurm und die Kritische Katze kennen die Brüder-Band Airbag von ihrer langen Rundreise durch Südamerika. Trent ist vom neuen Album und vor allem dem Song „Anarqía en Buenos Aires“ auch schnell überzeugt, obwohl er Spanisch nicht versteht. „Ich habe aber das Gefühl, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen diesem Song, dem Treppenputzplan und den Geräten vor der Tür“, sagt er zwinkernd. Gastón Sardelli, der Bassist von Airbag, feiert heute seinen 44. Geburtstag; „Es ist also eine doppelt glückliche Fügung, dass T die Platte heute entdeckt und mitgenommen hat“, stellt Trent fest.
Hookline / Ohrwurm-MomentInstant classic!“, jubelt Trent: „was für ein Ohrwurm-Riff!“ Gitarre und Bass teilen sich hier die Aufgaben gerecht und spielen ein Riff, das ohne Weiteres von AC/DC oder Motörhead stammen könnte!
Visuelle HighlightsUm ihr neues Album zu promoten , waren Airbag im letzten Jahr auf Tour in Argentinien und Chile, sind am 17. und 18. Dezember im ausverkauften Estadio River Plate aufgetreten und haben Anarqía immer als fünften oder sechsten Song gespielt – dem Publikum merkt man an, dass es sich durchaus auch für das neue Album begeistern kann.
Gastón in seinem langen schwarzen Mantel und mit seiner rotgetigerten Bassgitarre ist aufsehenerregend genug und kann die Rockstarposen seinen beiden jüngeren Brüdern Patricio und Guido überlassen.

Antwort

  1. […] 25. Geburtstag. Die Kritische Katze besitzt noch keine Schallplatte von ihr, hätte sich aber beim RSD bestimmt eine gekauft, wenn es eine gegeben hätte. Ihr sehr erfolgreiches Mixtape Fancy That aus […]

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