Seltsame Gerätschaften

Die Kritische Katze sitzt am Esstisch und liest Comics. Tatzelohrwurm stellt irritiert fest, dass sie dabei ein Monokel trägt. Neben dem Comic-Stapel liegen das Hackbrett mit dem Wiegemesser und dem Schälmesser darauf sowie einige Knoblauch- und Ingwerschalen. In einer Schüssel, die halb auf dem Brett steht, befindet sich mit einer Gabel zerdrücktes und mit Knoblauch und Ingwer vermischtes Tofu.

Der Tatzelwurm nimmt die Schüssel beiseite und schiebt den Bücherstapel seufzend ein gutes Stück vom Hackbrett weg. Natürlich hat er auf den ersten Blick erkannt, dass es sich um X-Men– und Umbrella Academy-Comics aus seiner eigenen Sammlung handelt.

„Stimmt irgendwas nicht mit Penne al ragù mit Pilzen?“, möchte der Tatzelwurm wissen und deutet mit dem Kopf auf den großen Berg Champignons, den er vor Kurzem gehackt hat.

Aber die Katze schaut nicht aus ihrem Buch auf, sondern raunt finster: „Es stimmt eine ganze Menge nicht! Zu viele lose Enden!“

Sie wird erst gesprächiger, als der Tatzelwurm die Pilze scharf anbrät, das duftende Tofuhack unterrührt und schließlich alles mit Rotwein ablöscht. „Heute feiern wir ja den 49. Geburtstag von Gerard Way.“, beginnt die Katze das Gespräch: „Also musste ich nochmal den Parallelen nachgehen zwischen seiner Umbrella Academy und ihrem großen Vorbild von Jack Kirby.“

„… und Stan Lee.“, ergänzt der Tatzelwurm hilfreich.

„Stan hat nur die Sprechblasen mit Text gefüllt.“, nörgelt die Katze: „Ja, das hat er gut und schwungvoll und witzig gemacht, aber es war Jack, der sich das Setting, die Figuren und die Handlung ausgedacht hat.“

„Aber wären die X-Men lesenswert, wenn The Beast nicht immer so hochgestochen daherreden würde?“, entgegnet der Tatzelwurm: „Oder wenn Professor X nicht immer so streng und The Angel nicht so eingebildet wäre? Und Cyclops nicht so streberhaft?“

Die Katze steckt ihre Kralle in die Soße, leckt sie ab und sagt: „Thymian.“

Der Tatzelwurm würzt nach und überlegt weiter: „Eigentlich mag ich die X-Men von Chris Claremont lieber. Er hat sich das Konzept von Kirby angeeignet und verbessert! Wie Elvis mit den Songs von Carl Perkins.“ Der Tatzelwurm ist sehr zufrieden, weil er glaubt, etwas Schlaues gesagt zu haben.

„Chris ist ein Planer!“, sagt die Katze: „Genau wie Gerard Way. Allerdings hat er seine Pläne auch immer umgesetzt. Und er war nicht gleichzeitig noch Rockstar. Gerard lässt so vieles unklar – zum Beispiel, was es mit diesem Monokel von Professor Hargreeves auf sich hat.“

„Ich dachte, dass Hargreeves mit dem Monokel die Gedanken von Leuten lesen und so seine Adoptivkinder manipulieren konnte.“, überlegt der Tatzelwurm.

„Ich weiß nicht. Als Fünf das Monokel in Apocalypse Suite aufsetzt, kann er sehen, welche Schandtaten Hargreeves begangen hatte. Und The Rumor findet Fünf in Dallas, weil sie das Monokel benutzt, das er ja zuvor aufgehabt hat. Es scheint also, dass dieses seltsame Gerät Informationen über seine früheren Träger:innen an die Personen weitergibt, die es aufsetzen – auch wenn diese Informationen erst nach der letzten vormaligen Nutzung entstanden sind. Also unabhängig von der Zeit!“, erklärt die Katze.

Der Tatzelwurm denkt nach und stammelt dann: „Ich… habe den vierten Sammelband übrigens schon vorbestellt…“

„Also abhängig von der Zeit!“, stellt die Katze mit strenger Stimme fest.

„Wenn du recht hast, dann werden die Umbrella-Mitglieder mit Hilfe des Monokels herausfinden, was Hargreeves wirklich vorhatte.“, prognostiziert der Tatzelwurm: „Wirst schon sehen!“

„Berühmte letzte Worte!“, sagt die Katze trocken.

My Chemical Romance: Famous Last Words

Jahr2006
LandUSA
GenreAlternative Rock
Aha-MomenteAuch das Ragù kann den Analyseschwung der Katze nicht bremsen: „Wirst schon sehen, sagt der! Schon sehen! Wenn’s um Monokel geht!“ Nach dem Essen befassen sich Tatzelohrwurm und die Kritische Katze mit ihrer Ohrwurmsuche und beginnen mit Gerard Ways Band My Chemical Romance.
Hookline / Ohrwurm-MomentI am not afraid to keep on living!“ grölen der Tatzelwurm und die Katze den treibenden Chorus laut mit.
Visuelle Highlights„Ein Musikvideo, wie von Gabriel Bá gezeichnet!“, findet der Tatzelwurm: „In ihren schwarzen Marching-Band-Kostümen vor all diesen Pyro-Effekten könnten die Band-Mitglieder gut selbst aus Umbrella Academy sein

Marillion: This Strange Engine (live in Dallas 2018)

Jahr2018
LandUK
GenreProg-Rock
Aha-MomenteSchon seit der Zeit vor den ersten Studioaufnahmen von Marillion ist Mark Kelly der Keyboarder der Band. Heute feiert er seinen 65. Geburtstag.
Im langen Fan-Favourite-Song This Strange Engine von 1997 spielt Mark besonders eindrucksvoll – und hat das gerne wiederholt, als die Band 2018 in Texas aufgetreten ist.
Hookline / Ohrwurm-MomentSteve Rotherys Gitarrenspiel macht die Kritische Katze immer ganz glücksduselig, aber als Mark Kelly ab Zeitmarke 5:10 zwei Minuten lang die Passage spielt, die alle Marillion-Fans so lieben und die Steve „H“ Hogarth mit seiner Erzählung „Daddy came out of the Navy “ beendet, springt die Katze auf die Rückenlehne der Couch und tanzt dort wild.
Bei Zeitmarke 10:30 reißt der Tatzelwurm die Augen auf und ruft: „Running up that hill! H ist Kate Bush!“
Aber H möchte nur den Tour-Staff singend vorstellen und ist doch nicht so sehr Kate Bush, wie der Tatzelwurm es sich gewünscht hätte.
Nach 20 Minuten purem Prog-Rock-Glück schaltet H für die letzten anderthalb Minuten auf Gänsehautmodus und die Katze lässt sich mit ausgebreiteten Armen rückwärts von der Couch fallen.
Visuelle HighlightsFür H ist der Song eine Gelegenheit, seinen berüchtigten MIDI-Cricket-Schläger einzusetzen, mit dem er Effekte, Backgroundgesang oder ein Saxofonsolo abrufen kann. Außerdem kann er damit gut das freche Front-of-Stage-Publikum einschüchtern!

Carl Perkins: Blue Suede Shoes (live at the Royal Albert Hall 1997)

Jahr1997
LandUSA
GenreRock’n’Roll
Aha-Momente„Nur zu! Jetzt kommt bestimmt wieder K-Pop!“, provoziert die Katze hinter der Couch. Aber der Tatzelwurm hat andere Pläne.
Carl Perkins wäre heute 94 geworden. Was immer es mit den blauen Samtschuhen auf sich hat („Auch seltsame Geräte“, urteilt die Katze) – zu Lebzeiten war er vor allem für andere Musikerinnen und Musiker ein Idol, aber mit seinem bekanntesten Song hat insbesondere Elvis Kasse gemacht.
„Ich habe gehört, dass Elvis den Song nur promoten wollte, um seinem Freund Carl ein wenig Starthilfe zu geben.“, erzählt der Tatzelwurm: „Mittlerweile gehören die Rechte seinem Freund Paul McCartney.“
„Wer solche Freunde hat…“, beginnt die Katze.
Hookline / Ohrwurm-MomentDie Katze hat sich wieder aufgerappelt und sitzt wippend auf der Rückenlehne: „Verrückt! Wo Rothery eben die ganz große Oper gespielt hat, sind das hier viele wunderhübsche Miniaturen! Perkins twangt und leiert so ein bisschen Country-haft, aber er geht auch voll nach vorne. Und diese Figur nach dem ersten Chorus, das ist schon fast Chuck Berry-mäßig!“
Visuelle HighlightsCarls Brille und Minipli sind der absolute Hingucker! „Würde dir bestimmt auch stehen“, neckt die Katze.

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