Aus dem Staub gemacht

Tatzelohrwurm hat sich auf seinem Smartphone mit der Wetterprognose für die nächsten Tage befasst. „Schau mal, was hier steht!“, wendet er sich an die Kritische Katze: „Hitzewelle rollt auf das Land zu! Komisch, oder? Eine Welle rollt doch nicht.“

„Vielleicht wenn die Hitzewelle eine Kurbelwelle wäre.“, überlegt die Kritische Katze, die gerade entspannt die Bücher im Regal sortiert: „Dann könnte sie rollen. Allerdings müsste man sie dann auch mit der Kurbel stoppen können. Ansonsten klingt die Ausdrucksweise für mich eher nach einem Orkheer oder einer Lawine. Bestimmt bist du in der Boulevard-Ecke des Internets gelandet, wo du deine Wettervorhersage nur entweder martialisch oder naturkatastrophal haben kannst.“

„Dann bleibe ich lieber bei der Kurbelwelle.“, entscheidet der Tatzelwurm: „Da weiß man wenigstens, was man hat! Mann!“

Genau! Endlich sagt‘s mal jemand!“, stimmt die Katze mit ein: „Alle anderen Wellen sind nur Scharlatane! Hitzewelle: kann nicht einmal rollen! Wasserwelle: schwappt nur herum!“

„Aber echt!“, schließt sich der Tatzelwurm an: „Schallwelle: nicht mal Rauch! Lichtwelle: Teilchen-Mogelpackung?“

Beide kichern: Dann stellt der Tatzelwurm fest: „A propos Teilchen: Staubsaugen ist überfällig. Und du bist an der Reihe.“

Gemach!“, fordert die Katze: „Schließlich ist heute Buchclubtreffen! Das geht wohl vor!“

„Was für ein Buchclub?“, möchte der Tatzelwurm wissen: „Ich bin in keinem Club! Du kannst doch schnell den Staubsauger nehmen und kurz durchsaugen. Gerne auch auf den Regalen – obwohl es mir lieber wäre, wenn du da feucht wischst.“

Angewidert betrachtet die Katze den Staubsauger, als wäre dieser soeben aus dem Nichts aufgetaucht und hätte dabei besonders abstoßende Gerüche abgesondert. Dann zückt sie ihr eigenes Smartphone und fotografiert den Staubsauger mit einem grimmigen Blick, als hätte sie ihn damit unschädlich gemacht.

Das ist gut.“, lobt der Tatzelwurm: „Jetzt können wir jederzeit ein Suchplakat erstellen, wenn das Gerät abhaut, weil es sich ungeliebt fühlt.“

Die Katze wendet sich wieder den Büchern zu: „Können die Douglas-Adams-Bücher eigentlich mal weg?“

Du kannst weg!“, empört sich der Tatzelwurm: „Wie kannst du so etwas überhaupt in Erwägung ziehen?“

„Und das ist der Grund, warum wir jetzt einen Buchclub haben!“, proklamiert die Katze: „Jeder von uns hat nur zu etwa der Hälfte der Bücher einen Bezug, weil wir unsere Bibliotheken zusammengeführt haben. Wir müssen einander also mit der jeweils anderen Hälfte vertraut machen, damit es wirklich zu einer einzigen Bibliothek verschmilzt! Außerdem werden die Bücher dadurch auch häufiger bewegt und sammeln weniger Staub an. Vermutlich wird dann sogar häufiger auf den Regalen gewischt.“

„Nun gut“, lenkt der Tatzelwurm ein: „Hauptsache, es wird heute noch gesaugt.“

„Denkst du, wir sollten Trent einladen, Mitglied unseres Clubs zu werden? Du weißt schon: externe Einflüsse, frischer Wind?“, überlegt die Katze.

„Ist heute nicht da.“, weiß der Tatzelwurm: „Beim nächsten Mal!“

„Ich bin als erstes mit Vorlesen dran.“, verkündet die Katze großzügig: „Dann kannst du dich entspannen und musst nur zuhören. Was darf es denn sein?“

„Wie wäre es mit John Carter of Mars?“, schlägt der Tatzelwurm vor: „Dafür interessiere ich mich schon lange.“

„Der Mars? Noch so eine Staubquelle?“ Die Katze verzieht das Gesicht: „Das ist der Eingang zu einem Kaninchenloch, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Dann kommt heute niemand mehr zum Staubsaugen!“

Dann eben ein anderes. Was ist denn dieses gebundene in dem pinken Dust Cover?“, erkundigt sich der Tatzelwurm.

„Jules Verne? Von mir ist das nicht.“, sagt die Katze und zieht das schmale Buch aus dem Regal: „Es hat einen unspektakulären Titel: Keraban der Starrkopf.“

„Ich glaube, das habe ich mal in einer offenen Bücherzelle gefunden.“, überlegt der Tatzelwurm: „Sollen wir das lesen?“

Die Katze nickt und beginnt: „Konstantinopel., 16. August 18…: der Top-Hane-Platz, sonst das Zentrum eines bunten, geschäftigen Treibens, ist fast menschenleer.“ Die unklare Jahreszahl liest sie: „Achtzehnhundert irgendwann.“

Während des ersten Viertels des Buches bereitet der Tatzelwurm Kaffee zu, kocht einen neuen Chai-Teevorrat, den er in Flaschen abfüllt und macht auch gleich noch heiße Chai Latte, so dass die Kehle der Katze möglichst nicht trocken werden kann.

Die Handlung fasziniert ihn: „Dieser Keraban unternimmt also eine Reise mit der Kutsche um das gesamte Schwarze Meer herum, nur um die ziemlich geringe Steuer für die Bosporus-Überfahrt aus Prinzip nicht zahlen zu müssen. Und seine Freunde und Gäste nimmt er dabei quasi als Geiseln, weil die Regeln der Gastfreundschaft gebieten, dass sie ihn begleiten? An irgendjemanden erinnert mich das.“

„Völlig irrational, der Mann!“, kritisiert die Katze: „Nicht nur steht der zeitliche Aufwand in keinem Verhältnis; die Unternehmung ist auch gefährlich und am Ende viel teurer! Nur um der jungtürkischen Regierung nicht nachgeben zu müssen! Wahnsinn!“

„Wo du es gerade sagst“, hakt der Tatzelwurm ein: „Wenn mich meine jämmerlichen Geschichtskenntnisse nicht täuschen, haben die Jungtürken doch erst im 20. Jahrhundert die Regierung übernehmen können, oder? Wurden sie unter dem Sultan nicht verfolgt?“

„Du vergisst, wer der Autor der Geschichte ist!“, belehrt die Katze: „Wie so viele Geschichten von Jules Verne ist das hier Science Fiction! Daher auch ein präzises Datum mit einer ungewissen Jahreszahl am Anfang – bestimmt erwarteten liberale Beobachter:innen in Europa, dass die Jungtürken früher an die Macht kommen würden. Für jemanden, der sich die Nautilus ausdenken und so beschreiben kann, dass man sie nachzubauen imstande ist, ist politische SciFi eine originelle Kleinigkeit.“

Beim Erklären tippt die Kritische Katze in ihrem Handy herum, als würde sie lange Nachrichten schreiben. Dann liest sie weiter.

Ungefähr um 14 Uhr hat die Lesung die Hälfte des Buches bewältigt und einen actionreichen Höhepunkt erreicht. Der Tatzelwurm serviert zur Pause eine Flädlesuppe, die er aus den Pfannkuchen des Vortags und frischem Gemüse gemacht hat. Das Gemüse hat er geschnitten, während die Helden im Buch durch Georgien gereist sind. Die Suppe war genau zu dem Zeitpunkt fertig, als Achmed, der Neffe Kerabans, seine Verlobte und deren Dienerin von Bord eines sinkenden brennenden Piratenschiffs rettete.

„Ich finde die Geschichte bisher erfreulich unproblematisch für die damalige Zeit!“, bemerkt der Tatzelwurm beim Essen: „Obwohl Keraban natürlich eine Karikatur ist, aber die eigentlichen Witzfiguren sind immerhin die beiden Europäer. Außerdem ist Keraban eine freundliche Karikatur; ich stelle mir ihn so vor wie Senhor Oliveira da Figueira.“

„Aber der ist Portugiese.“, wendet die Katze ein: „Für mich ist das eher Epidemais – auch so ein Klischeeorientale! Soll seine Selbstherrlichkeit vielleicht vorführen, was das Problem mit den alten Osmanen aus jungtürkischer Sicht war?“ Das Handy der Katze meldet bereits zum fünften oder sechsten Mal eine eingehende Nachricht.

„Ich weiß nicht: Ich finde den ziemlich clever.“, sagt der Tatzelwurm: „Auch wenn er ein streitsüchtiger Prinzipienreiter ist. Eigentlich bist das in Wirklichkeit du.“

Ich? Unfassbar, dass du schon wieder Streit anfangen willst! Ich hätte eine nachhaltige Lösung gefunden – und eine solche Kleinigkeit nicht derart aufgeblasen! Was will Keraban denn tun, wenn ihm die Reise geglückt ist? Nie wieder den Bosporus überqueren?“

„Bestimmt gibt es am Ende eine Lösung.“, da ist sich der Tatzelwurm ziemlich sicher.

Die Kritische Katze liest weiter.

Da die Reisegruppe in der Geschichte nun um Achmeds schlaue Verlobte und ihre schelmische Dienerin gewachsen ist, die Sklavenhändler die Verfolgung aufgenommen haben und schließlich noch das stolze und kampfeslustige kurdische Geschwisterpaar Sarabul und Yanar dazustößt, liest sich die zweite Hälfte der Geschichte recht schnell.

Am Ende sind Tatzelohrwurm und die Kritische Katze beide davon überrascht, wie viele Schlusspointen es gibt. Es ist fast 19 Uhr.

„Das war spannend – aber anstrengend!“, stöhnt die Katze.

„Wir hätten uns abwechseln können!“, sagt der Tatzelwurm und vermischt den Couscous-Feta-Salat, den er gemacht hat, mit gebratenen Auberginen, getrockneten Tomaten, Kichererbsen und Petersilie.

„Wenn ich Keraban bin“, beginnt die Katze: „Dann sehe ich als Idealbesetzung für Bruno, den irgendwie anarchistischen und ziemlich unorthodoxen Diener von Mijnher van Mitten:…“

Trent!“, rufen der Tatzelwurm und die Katze gleichzeitig.

„Und mich siehst du vermutlich als van Mitten, den lethargischen und willensschwachen Holländer?“, befürchtet der Tatzelwurm.

„Nein, du bist Amasia, die schlau und mutig ist und als Einzige in der Gruppe ihren Schwiegeronkel mit ihrem Charme manipulieren kann.“, sagt die Katze wohlwollend.

Arme Katze!“, sagt der Tatzelwurm mitleidig : „Jetzt hast du den ganzen Tag lang vorgelesen – und musst trotzdem noch staubsaugen. Dafür gibt es danach leckeren Salat.”

„Ich fürchte, das klappt nicht mehr.“, sagt die Katze bedauernd und schaut auf ihr Handy.

Warum nicht?“, möchte der Tatzelwurm wissen: „Wir haben uns jetzt einmal rund ums Schwarze Meer gelesen und es dauert nur wenige Minuten, den Staubsauger zu nehmen…“

„Ich habe den Staubsauger verkauft.“, sagt die Katze ruhig.

Der Tatzelwurm glaubt, sich verhört zu haben: „Du hast was?“

„Über Kleinanzeigen“, erklärt die Katze: „Der Käufer muss jeden Moment hier sein.“

Bevor der Tatzelwurm protestieren kann, klingelt es an der Tür. Die Katze geht öffnen und freut sich, als der Mann, der kurz darauf schnaufend im vierten Stock ankommt, über den Kaufpreis verhandeln möchte. Nach einem kurzen Wortwechsel, den die Katze freundlich dominiert, wechselt der Staubsauger den Besitzer und die Katze kehrt mit einem Fächer aus 50€-Scheinen zurück.

„Was… hast… du… getan?“, stammelt der Tatzelwurm fassungslos.

Reinvestiert.“, antwortet die Katze: „Von dem Erlös habe ich einen Saugroboter gekauft. Müsste morgen ankommen. Expresslieferung!“

Der Tatzelwurm kann es immer noch nicht glauben: „Du hast den ganzen Tag daran gearbeitet, dass du nie wieder staubsaugen musst? Du bist Keraban!“

„Einfach ungeheuerlich, was ich mir hier anhören muss!“, schmollt die Katze gespielt: „Allerdings durchaus ein bemerkenswerter Mann!“

A Perfect Circle: So long, and thanks for all the Fish

Jahr2018
LandUSA
GenreHard Rock
Aha-MomenteWährend des Essens überlegt Tatzelohrwurm mehrfach, aus dem frisch gegründeten Buchclub wieder auszutreten. Dann sagt er schließlich: „Ich werde dir jetzt zeigen, warum die „Per Anhalter“-Bücher nicht einfach weg können! Der Titel des vierten Teils hat nämlich unseren heutigen Geburtstagsohrwurm inspiriert. Mit der Nachricht „Macht‘s gut, und danke für den Fisch!“ verabschieden sich die Delfine von der Menschheit und das ist der Anfang vom Ende.“
A Perfect Circle?“, sagt die Katze ungläubig: „Dieses Freizeitprojekt von Maynard James Keenan?“
“Vielleicht ist ja eher Tool mittlerweile sein Freizeitprojekt.“, gibt der Tatzelwurm zu bedenken: „Jedenfalls ist APC die zentrale Herzensangelegenheit von Songwriter und Gitarristen Billy Howerdel, der heute seinen 56. Geburtstag feiert.“
Hookline / Ohrwurm-Moment“Verrückt, dass 2016 so viele Legenden gestorben sind!“, stellt der Tatzelwurm erschüttert fest.
„Es war wirklich der Anfang vom Ende!“, stimmt die Katze zu: „In jenem Jahr wurde ja auch der orangefarbene Haufen Vogonenkotze zum US-Präsidenten gewählt. Aber wer ist Reenie’s Mom?“
„Die Mutter von Puscifer-Sängerin Carina Round ist auch 2016 gestorben. Sie bekommt hier den gleichen Status verliehen wie Bowie, Prince, Muhammad Ali oder Carrie Fisher – finde ich süß!“, sagt der Tatzelwurm.
Visuelle Highlights„Warum ist das Video erst ab 18?“, wundert sich der Tatzelwurm.
„Lass überlegen“, sagt die Katze: „Am Anfang erhängt sich jemand, es geschehen diverse blutige Tode und am Ende detoniert eine Atombombe. Also eigentlich… Kinderprogramm! Wie Clever & Smart!“

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