Die Kritische Katze hat eine Chai-Schokoladentorte gemacht. Es ist eine Abwandlung ihrer Chai-Torte, die sie vor einiger Zeit einmal ohne erkennbaren Anlass für Tatzelohrwurm und sich selbst zubereitet hatte: Chai-Biscuitböden und Chai-Frosting nach altem traditionellem Geheimrezept, das nur unter Kritischen Katzen weitergegeben wird – diesmal jedoch mit einer weiteren Schicht, die saftig schokoladig ist. Diesmal ist die Buttercreme an den Außenseiten weiß, aber mit einem schönen dunklen Drip-Effekt. Oben hat die Katze mit Zimtpulver ein Herz gestaltet und die Torte in die reisetaugliche Kuchenglocke gestellt, von der sie sonst immer denkt, dass sie lediglich Platz in der Kellerparzelle wegnimmt.
Alles zusammen steht nun im Kühlschrank und wartet auf Tatzelohrwurm, der diese Torte seiner Mutter mitnehmen soll, wenn er sie besucht. Die Katze weiß, dass Drachen den Muttertag sehr ernst nehmen. Aber der Tatzelwurm ist heute besonders eifrig mit Saubermachen und Putzen beschäftigt; gerade ist er mit Staubwischen fertig. Sogar den umfunktionierten Messerblock hat er neu mit Mini-Narzissen bepflanzt, als ob…
Plötzlich kommt der Katze ein schrecklicher Verdacht.
Sie springt von der Couch auf, auf der sie im Encheiridion des Epiktet gelesen hatte, und ruft: „Wann musst du eigentlich los?“
Da klingelt es.
Die Katze fühlt sich wie in einer Todesfalle und ist einen Moment lang unfähig sich zu bewegen. „Warum machst du nicht auf?“, fragt der Tatzelwurm, der gerade aus dem Bad kommt.
Der Tatzelwurm drückt auf den Knopf, der die Haustür öffnet, ohne sich vorher rückzuversichern, wer da ist, und öffnet die Wohnungstür.
„Warum hast du denn nichts gesagt?“, zischt die Katze und verschwindet im Bad, um sich frisch zu machen.
„Ich wollte, dass du meine Mutter kennenlernst.“, antwortet der Tatzelwurm ruhig.
Wenig später und nachdem mehrfach der Wortwechsel: „Ach, ist das noch weiter oben?“ – „Ganz oben, Mama!“ durch das Treppenhaus ging, steht die Mutter von Tatzelohrwurm endlich vor der Tür. Sie ist nur etwa anderthalbmal so groß wie ihr Sohn, dafür aber kugelrund, trägt eine kleine Brille und einen Regenschirm.
Sofort fallen sich die beiden Drachen um den Hals. Die Katze tritt von einem Bein aufs andere und beobachtet die Szene.
Als sich Tatzelohrwurm schließlich aus der Umarmung löst, wirft seine Mutter erst der Kritischen Katze und dann dem Tatzelwurm einen fragenden Blick zu.
„Sei nicht albern!“, grinst der Tatzelwurm verlegen: „Komm bitte rein!“
Die Drachendame eilt auf die Katze zu, die sich zu einer entspannten Körperhaltung zwingen muss – sie weiß ja, dass Drachen sich üblicherweise mit Wangenküssen begrüßen.
Doch die Mutter des Tatzelwurms bleibt vor der Katze stehen und drückt ihr mit beiden Pranken die Pfote. Dabei schaut sie ihr tief in die Augen und lächelt freundlich. Die Mutter des Tatzelwurms hat smaragdgrüne Augen, die vergnügt funkeln.
„Sehr erfreut! Ich bin schon lange keiner Kritischen Katze persönlich begegnet.“, sagt die Drachendame und wirkt dabei ehrlich erfreut: „Tatzelohri hat mir schon so viel von dir erzählt!“
„Auch ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Madame.“, sagt die Katze steif, setzt zu einem Handkuss an und merkt im gleichen Moment, dass die Mutter ihres Wohnungsgenossen sie gerade geduzt hat – eigentlich eine Höflichkeit der Ktitischen Katzen, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man sich ihm nicht überlegen, sondern gleichwertig fühlt.
„Madame! HAHAHA!“, freut sich die Drachendame: „Nenn mich doch einfach Tatzelsternwurm!“
„Hast du gut hergefunden, Mama? Musstest du im Stau stehen?“, fragt der Tatzelwurm.
„Kein Problem!“, sagt Tatzelsternwurm gut gelaunt: „Hab ich nicht geschrieben, dass ich das Wohnmobil längst verkauft habe? Ich bin einfach hergeflogen.“ Sie raschelt mit ihren kastanienroten Flügeln und sieht sich in der Wohnung um.
„Ich mache Kaffee!“, teilt der Tatzelwurm mit.
„Habt ihr Kondensmilch?“, fragt Tatzelsternwurm und wühlt in ihrer Handtasche: „Schon gut: hab selbst welche dabei. HAHAHA! Schön habt ihr es hier! So eine gemütliche große Couch! Oh, hab ich euch beim Lesen gestört? Ich darf doch? Epiktet, von Knigge, Seneca, Macchiavelli…“
„Nein, nein, ich räume das schnell weg.“, beeilt sich die Katze zu sagen und sammelt die ganzen Bücher zusammen: „Ich bin nur etwas unvorbereitet – ich hatte angenommen, dass Tatzelohrwurm dich besuchen würde.“
„Ich bin doch noch nicht hinfällig!“, sagt Tatzelsternwurm entrüstet, scheint aber nicht wirklich gekränkt zu sein.
„Die Katze hat eine umwerfende Torte gemacht!“, kündigt Tatzelohrwurm an und richtet die Torte auf dem Esstisch so an, dass die Spitze des Zimtherzens zum Kopf des Tisches zeigt, wo seine Mutter sitzen soll.
Diese hat inzwischen die Schafgarbe bewundert und der Kritischen Katze Komplimente zu ihrem „grünen Daumen“ gemacht.
Dann ist der Kaffee fertig und alle setzen sich an den Tisch. Die Drachenmutter kramt aus ihrer Handtasche eine Tube Kondensmilch und einen Süßstoffspender hervor.
„Wir haben auch echte Milch und Mandelmilch.“, wendet die Katze ein, aber Tatzelohrwurm schüttelt bedeutungsvoll den Kopf.
„Mmh! Euer Kaffee ist – wie sagt man heutzutage? – geil!“, lobt Tatzelsternwurm: „Ich hätte jetzt ‚entzückend’ gesagt. HAHAHA! Und mit meiner Kondensmilch mag ich ihn eben am liebsten – wir sind ja nicht mehr im 18. Jahrhundert! Euch ist das bestimmt zu wenig hip, habe ich recht?“
Die Kritische Katze kann sich nicht recht mit der Art von Tatzelsternwurm anfreunden, laut zu lachen, stellt aber überrascht fest, dass sie keine Lust hat, etwas dagegen zu tun.
„Stimmt genau, Mama!“, antwortet Tatzelohrwurm kichernd: „Wir sind viel zu hip für Kondesmilch. Torte?“
Die Mutter des Tatzelwurms lässt sich ein Stück der Torte reichen und trennt sich mit der Kuchengabel einen mundgerechten Teil ab, der sofort in ihrem Maul verschwindet.
„Was für eine exotische und attraktive Geschmacksrichtung!“, jubelt Tatzelsternwurm und wendet sich direkt an die Katze: „Deine Torte… die kann was! HAHAHA!“
„Wir sehen uns zu selten.“, sagt der Tatzelwurm und lässt es ein wenig wie eine Kritik klingen. Doch seine Mutter lächelt weiter die Katze an.
„Ich nehme an, das Rezept…“, beginnt sie.
„Geheim.“, sagt die Katze reflexhaft: „Obwohl…“
„Ein Jammer!“, seufzt Tatzelsternwurm: „Die Kritischen Katzen und ihre Geheimnisse und Rätsel! Naja, nichts gegen Rätsel!“
„Kennst du das mit den geerbten Kamelen? Oder mit dem Kapitän und den drei Passagieren?“, fragt die Katze und hofft, das Gespräch auf vertrautes Terrain lenken zu können.
Aber die Mutter des Tatzelwurms winkt ab: „HAHAHA – Logikrätsel! Die finde ich am unterhaltsamsten, solange man an der Lösung feilt oder wenn man sie in eine neue Geschichte kleidet. Aber wie findest du dieses von Fechner – ich halte es für einen Evergreen:
Die erste Silbe gut zu nützen,
Mußt du sie recken bald, bald spitzen,
Mußt sorglich ja das Blasen scheuen,
Sie bald verschließen und bald leihen.
Damit die andern zwei dir frommen,
Genügt als Anweisung vollkommen,
Sie grad‘ nur in den Mund zu stecken;
Sie werden sicher gut dir schmecken.
Das Ganze klüglich anzuwenden,
Mußt du recht rüstig sein von Händen,
Und, eh‘ der andre es mag denken
Ihn mit der Gabe rasch beschenken.“
Die Drachenmutter zwinkert und nimmt einen Schluck Kaffee.
Die Katze schaut verdutzt und bewegt ihre Kiefer, während sie das Rätselgedicht in Gedanken nachspricht.
Dann ringt sie kurz um Haltung, presst eine Pfote aufs Maul, prustet aber schließlich los: „Möhöhöhöhö-hiiiiihihihi! ‚Recht rüstig sein von Händen!‘ Oh, das ist gut! Das ist fantastisch!“
Die Katze überlegt sich kurz, ob es sich bei dem Gedicht um eine Art verspielter Drohung handeln könnte, denkt dann aber an das seltsame Konversationsgelächter der Drachenmutter und daran, was Epiktet über Kontrolle sagt, – und kann nicht aufhören zu lachen.
Der Tatzelwurm schaut erschrocken von der Kritischen Katze zu seiner Mutter und zurück. Als es an der Wohnungstür klingelt, springt er erleichtert auf und geht öffnen.
Es ist Trent. Der Nachbar aus dem ersten Stock macht einen schlecht gelaunten Eindruck und möchte zuerst wieder gehen, als er bemerkt, dass der Tatzelwurm seine Mutter zu Gast hat.
Tatzelsternwurm lässt ihn jedoch nicht so einfach davonkommen: „Ach, junger Mann, kommen Sie doch herein! Es gibt wunderbare Torte!“
Also lässt Trent sich zum Esstisch ziehen und wundert sich dort über die immer noch glucksende Kritische Katze: „Warum weinst du, K.?“
Nach einer knappen Bekanntmachung lässt er sich vom Tatzelwurm einen Teller mit Torte und eine Tasse Kaffee geben und sucht dann etwas, über das er ein Gespräch beginnen kann: „Ich finde die kleinen gelben Blumen cool – haben Sie die mitgebracht, Frau Sternwurm?“
„Ich? HAHAHA!“, amüsiert sich Tatzelsternwurm: „Nein, ich habe nichts mitgebracht. Heute ist doch Muttertag! Haben Sie denn heute schon Ihre Mutter angerufen, Herr Trent?“
„Meine Mutter?“, wiederholt Trent defensiv: „Meine Mutter hält nichts von Muttertag! Das ist doch ein Nazifeiertag!“
„Trent!“, zischt der Tatzelwurm: „Der Muttertag ist schon seit ewigen Zeiten ein Drachenfeiertag. Die Nazis haben den Tag nur instrumentalisiert!“
„Tatzelohri, lass gut sein!“, sagt Tatzelsternwurm beschwichtigend: „Ich weiß noch, dass ich in Herrn Trents Alter auch alles Bestehende infrage gestellt habe. HAHAHA, habe ich mal erzählt, wie ich als Jugendliche Onkel Tatzelkreuzwurms alte Kriegsgeschichten nicht mehr hören konnte und ihn immer geärgert habe, indem ich gesagt habe: ‚Von diesen Geschichten bekomme ich immer Wallensteine‚?“
„Ungefähr tausendmal, Mama!“, stöhnt der Tatzelwurm.
„Mir nicht!“, platzt die Katze heraus: „Wie alt warst du da?“
„Möchtest du noch ein Stück Torte, Mama?“, fragt der Tatzelwurm.
„Eigentlich schon, HAHAHA!“, lacht Tatzelsternwurm: „Aber ich sollte mich nicht jetzt schon überfressen.“
„Besuchst du heute noch Tatzelpluswurm?“, fragt der Tatzelwurm und versucht, beiläufig zu klingen.
„Aber natürlich fliege ich noch zu deinem Bruder! Zu deinen Schwestern auch! Heute ist doch Muttertag!“, wundert sich Tatzelsternwurm: „Hast du immer noch keinen Kontakt zu deinen Geschwistern? Vielleicht sollten wir nochmal ein Familientreffen haben. Plussi ist jetzt selbständiger Steuerberater, weißt du?“
Tatzelohrwurm gießt sich Kaffee nach und endlich bricht Trent das Schweigen, indem er fragt: „So wie Robin Hood?“
„Vielleicht. Hoffentlich!“, sagt die Drachenmutter leise und fügt hinzu: „Nicht jedem Tatzelwurm ist eine musische Ader gegeben. So ist das nun einmal. Mein Ältester hat sich immer schon für solche nüchternen Abläufe interessiert und hatte nie so viel künstlerischen Feinsinn wie Tatzelohri und seine Schwestern. Es scheint ihn aber zu erfüllen und das ist die Hauptsache. Und er fragt immer nach dir, wenn er mich besucht, Tatzelohri. Na, ich muss dann auch mal los; es ist ja noch ein straffes Programm heute und ich fliege ja nicht gern im Dunkeln. Ich möchte mich herzlich bedanken für die liebe Gesellschaft und die traumhafte Verköstigung. Ich hoffe, ihr entschuldigt, dass ich so wenig Zeit mitgebracht habe.“
„Es war uns eine Freude!“, erklärt die Kritische Katze: „Ich bedanke mich im Namen aller hier für die anregende Unterhaltung. Du kannst doch auch einfach so mal vorbeikommen. Lass uns gleich morgen etwas ausmachen!“
„Jedenfalls begleite ich dich noch zur Tür.“, sagt Tatzelohrwurm und stellt sicher, dass seine Mutter ihren Regenschirm nicht vergisst.
Im Treppenhaus sind Stimmen zu hören und dann fällt unten die Haustür ins Schloss. Als die Katze, der Tatzelwurm und seine Mutter ebenfalls aus der Haustür treten, sehen sie zwei junge Leute auf dem Gehweg: einen Mann mit großer runder Brille und Hipsterbart und eine Frau mit Pferdeschwanz, beide schätzt die Katze auf Anfang 20.
„Dann komm gut nach Hause, du Affe!“, sagt die Frau liebevoll.
„Du auch, du alte Hexe!“, sagt der Mann: „Grüß Norbert!“
„Robert.“, korrigiert die Frau: „Idiot!“
Der Mann beugt sich vor und reißt die Augen weit auf. „Wirklich?“, sagt er übertrieben besorgt: „Dann den!“
Daraufhin trennen die beiden sich und die Mutter des Tatzelwurms verabschiedet sich ebenfalls. Die Katze lässt sich sogar von ihr drücken.
Aufgeregt stürmen die Katze und der Tatzelwurm wieder nach oben in ihre Wohnung, um Trent Bericht zu erstatten, doch der steht am Fenster und hält sein Handy ans Ohr: „Doch. Drachentradition. Wenn ich’s doch sage! Ist auch egal, ich wollte nur… Ja, ich muss jetzt auch… Natürlich! Auf jeden Fall gleich morgen. Ich dich auch. Ciao!“
U2: In a Life
| Jahr | 2026 |
| Land | Irland |
| Genre | Hard Rock |
| Aha-Momente | „Na, Tatzelohri?“, neckt die Katze, als sie wieder auf der Couch sitzt: „Ist denn heute wirklich nur Muttertag oder war da noch was?“ „Und ob!“, bestätigt der Tatzelwurm: „Heute feiert Bono von U2 seinen 66. Geburtstag! Ich glaube, meine Mutter mag auch U2. Und wenn du mich noch einmal so nennst, nenne ich dich ab jetzt Miezekätzchen!“ „Ey, ich hab das auch gehört, Tatzelohri!“, mischt sich Trent ein: „Und mich stört es nicht, wenn du mich Miezekätzchen nennst. Meine Eltern sind übrigens beide U2-Fans und haben mich dahin zu meinem allerersten Rock-Konzert mitgenommen.“ |
| Hookline / Ohrwurm-Moment | Trent ist plötzlich ganz gelöst: „Hört doch! Diese Licks, die The Edge einfach so raushaut! Das ist nicht einfach nur eine Unterschrift – das ist der Sound meiner Kindheit! Das ist Gänsehaut pur! Ist noch Torte da?“ |
| Visuelle Highlights | „Schön, die alten Fotos, auf denen man die Band nochmal ganz jung sehen kann!“, findet der Tatzelwurm: „Aber ab der Stelle, wenn Bono singt ‚repeat, rewind, replay once more‘ wiederholen sich alle Bilder.“ „Macht nix! Nochmal!“, verlangt die Katze. |
Aya Nakamura: Désarmer
| Jahr | 2025 |
| Land | Mali / Frankreich |
| Genre | Afrobeat |
| Aha-Momente | „Aber auch Aya Nakamura hat heute Geburtstag und wird 31. Ich kenne einen Song von ihr, der ein schöner Ausklang wäre für heute“, sagt der Tatzelwurm. |
| Hookline / Ohrwurm-Moment | „Wenn man ja nur französisch könnte! Den ‚Il me rend petite‘-Refrain würde ich gerne mitsingen können! Und ich liebe diese federleichte Percussion über diesem tonnenschweren Bass!“, schwärmt der Tatzelwurm. „Ein solches Maß an Kontrolle in der Stimme, dass es derart heißkalt klingt, bekommt man ja nicht einmal auf deutsch hin.“, sagt Trent bewundernd. „Sprich nur für dich!“, sagt die Katze. |
| Visuelle Highlights | „Aya hat Superkräfte! Schau, wie sie die Männer durch den Raum fliegen lässt mit dieser Ohrfeigengeste!“, jubelt der Tatzelwurm. „Das erinnert mich an mein neues Lieblingsrätsel.“, sagt die Katze und kichert: „Entwaffnend!“ |

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