Tent Show

„Versetzt euch nun zurück in Jahr 1892!“, befiehlt die Kritische Katze: „Chattanooga, Tennessee! Ganz im Südosten des Staates an der Grenze zu Georgia direkt am Tennessee River gelegen. Der Bürgerkrieg ist seit 27 Jahren vorbei; damals war ziemlich was los gewesen hier, weil in Chattanooga die großen frühen Eisenbahnstrecken aus dem Osten konvergierten und daher alle Truppenbewegungen irgendwie durch die Stadt gegangen waren. 1892 ist das Städtchen gerade dabei, sich zu einem industriellen Umschlagplatz zu mausern.“

Die Kritische Katze, Tatzelohrwurm und Trent, der Nachbar aus dem ersten Stock, der immer noch „K“ (Kay) und „T“ (Tee) sagt, sitzen am Esstisch in der WG und spielen ein Rollenspiel, das die Kritische Katze sich ausgedacht hat und natürlich auch leitet. Auf dem Tisch stehen ein Ofenblech mit frischen Pizzaschnecken (Margherita und Funghi arrabbiati), allerhand salzige Snacks und Getränke: Trent und der Tatzelwurm trinken alkoholfreies Radler, die Katze trinkt selbstverständlich heiße Chai Latte.

Die Katze nimmt einen Schluck und fährt dann fort: „Es sind die frühen Morgenstunden am Freitag, dem 15. April, die Sonne wird erst in knapp vier Stunden aufgehen. Gestern war es den ganzen Tag bewölkt und drückend, eigentlich auch zu warm für die Jahreszeit. Man konnte spüren, dass etwas in der Luft liegt. Das Gewitter kam am Abend, brachte aber keine klare Luft, nur Regen. Es regnet immer noch und in der Mitte der Straße würdet ihr wohl tief in den Schlamm sinken. Nicht, dass das Licht eurer Laterne ausreichen würde, um auf der Hauptstraße bis zur Mitte zu sehen!“

„Ich glaube, ich habe meine Laterne auch dabei!“, glaubt Trent.

Ich glaube, als Assistent musst du die beiden Taschen mit den Hebammenutensilien tragen.“, erwidert die Katze: „Pass auf, dass sie nicht schmutzig werden! Eine Laterne konntest du leider nicht mehr tragen. Einige der Ladenlokale auf der Hauptstraße haben überdachte Veranden, vor manchen Häusern ist ein Streifen Rindenmulch ausgelegt. Beides wird weniger, je weiter ihr euch vom Stadtzentrum entfernt.“

„Die Taschen kann doch mein Pferd tragen.“, versucht der Tatzelwurm zu helfen: „Ich reite darauf im gemächlichen Trab…“

„Du bist Hebamme, Mrs. Ed!“, erinnert die Katze: „Du hast gar kein Pferd!“

„Das Pferd ist alles, was mir von meinem verstorbenen Ehemann geblieben ist, Gott hab ihn selig!“, lamentiert der Tatzelwurm dramatisch.

Die Katze greift nach ihrem Becher mit der Chai Latte, trinkt aber nicht, so dass es aussieht, als würde sie sich daran festhalten. Dann sagt sie langsam: „Du hast deinen Witwengaul im Stall der Saloonbesitzerin, weil du dir selber die Bewirtschaftung eines Stalles nicht leisten kannst und weil die Saloonbesitzerin dir noch einen Gefallen schuldete. Der Stall ist aber nachts abgeschlossen. Ok?“

Trent und der Tatzelwurm machen unglückliche Gesichter, wehren sich aber nicht mehr.

Die Katze fährt fort: „Obwohl ihr also viel zu etepetete für dieses Wetter seid, kommt ihr dennoch sehr bald in demjenigen Viertel der Stadt an, wo hauptsächlich die schwarze Bevölkerung lebt. Die Behausungen hier sind ausnahmslos kleine hölzerne Hütten, viele davon baufällig. Der kleine Junge, der bei euch geklopft hatte, um eure Dienste zu ersuchen, hat euch gesagt, dass seine Familie, die Familie von Prediger Smith, auf der Straßenseite der Kirche wohnt. Es ist stockfinster. Und regnet – sagte ich das schon?“ Die Katze schaut erwartungsvoll.

„Im Licht der Laterne lese ich die Namen auf den Briefkästen.“, schlägt Tatzelwurm vor.

„Du kannst lesen?“, fragt Trent skeptisch, aber Tatzelohrwurm überhört es.

Bravo!“, lobt die Katze: „Schon auf dem dritten Briefkasten liest du den Namen Smith. Du betätigst den Türklopfer und nach wenigen Augenblicken öffnet ein groß gewachsener Mann und sagt mit tiefer Stimme: ‚Endlich, die Hebamme! Treten Sie ein, meine Damen!‘ Am Ende der Nacht habt ihr ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht, das sechste Kind der Familie, das den Namen Bessie bekommt. Damit habt ihr das erste Kapitel erfolgreich bewältigt.“

Die Kritische Katze legt eine kleine Pause vom Spiel ein, die alle jeweils auf ihre Weise nutzen.

Als es weitergeht, sind nur noch die Margherita-Pizzaschnecken da und nur noch wenige Erdnussflips. Die Katze entwirft folgendes Bild: „Knapp 19 Jahre später: ihr habt eure Tätigkeit als Hebammenduo an den Nagel gehängt und arbeitet nun als Talent Agent:innen für die Columbia Phonograph Company. Trent, zur Klarstellung: bist du im Spiel ein Mann oder eine Frau?“

Mann!“, sagt Trent: „Wenn auch ein sehr hübscher. Und du, K? Bist du Katze oder Kater?“

Die Kritische Katze greift wieder zu ihrer Chai Latte und sagt würdevoll: „Ich bin Kritiker.“

Dann fährt sie fort: „Ihr habt einen tragbaren Phonographen dabei, der Aufzeichnungen machen kann, sowie ein paar Rohlinge aus schwarzem Wachs – der letzte Schrei aus dem Engineering Department von Columbia. Aus Gewohnheit habt ihr eure alte Rollenverteilung beibehalten; Trent trägt die Technik.“

„Kommt nicht in die Tüte!“, protestiert Trent: „Ich soll hier wohl ausgebeutet werden!“

„Was ist denn jetzt mit meinem Pferd?“, erkundigt sich der Tatzelwurm hoffnungsvoll.

„Wie gesagt“, beginnt die Katze vorsichtig: „19 Jahre später…“

SALAMI!“, krakeelt Trent.

„Sei lieber vorsichtig mit der Ausrüstung!“, zischt der Tatzelwurm ärgerlich.

„Ihr seid vor ein paar Stunden in Chattanooga angekommen, in der Stadt hat sich einiges verändert.“, fährt die Katze lächelnd fort: „Die Hauptstraße ist jetzt gepflastert und die meisten Häuser sind durch Steinbauten ersetzt worden. Abseits der Hauptstraße und an den Ortsausgängen findet ihr fast ausschließlich niedrige Holzblockhäuser, aber auch der schwarze Stadtteil sieht weniger ärmlich aus.“

„Oh! Oh!“, ruft der Tatzelwurm aufgeregt: „Können wir Mr Smith, den Prediger, besuchen?“

„Danach habt ihr euch bestimmt gleich nach der Ankunft erkundigt“, antwortet die Katze nickend: „Aber das Haus steht nicht mehr. Zuerst war es nicht leicht, jemanden zu finden, der den Prediger noch kennt. Von einer alten schwarzen Frau im Gemüsegeschäft habt ihr schließlich erfahren, dass der Prediger bereits 1893 gestorben ist – im gleichen Jahr, in dem ihr die Stadt verlassen habt! Seine Frau und eine ihrer Töchter sind vor zehn Jahren ebenfalls verstorben.“

„Wir haben Orangen gekauft im Gemüseladen.“, meldet Trent, der ein wenig mehr Einfluss auf den Spielverlauf nehmen möchte.

Der Tatzelwurm und die Katze werfen ihm einen langen Blick zu. Dann sagt der Tatzelwurm: „Und Pilze! Wenn die da welche haben, dann haben wir auch Pilze gekauft.“

Die Katze schüttelt den Kopf und nimmt einen großen Schluck Chai Latte. Dann sagt sie: „Keine Pilze, tut mir leid. Aber an der Ladentür hängt ein Plakat mit großen aufsehenerregenden Buchstaben.“

„Ich lese das Plakat.“, sagt der Tatzelwurm.

Die Katze liest laut vor: „Sensationell! Das Stadtgespräch in jeder Stadt zwischen Mississippi und Tennessee River! Die berühmte Zirkusshow von Fogarty & Wilson! Man muss es selbst erlebt haben! Fogarty & Wilson sind stolz, den Gipfel des Musiktheaters präsentieren zu dürfen. Die Mutter des Blues und die Kaiserin des Blues! MA RAINEY! Und Bessie Smith! Artisten! Tanz! Sorgenlose Unterhaltung! Keine Minderjährigen erlaubt!“

Das ist sie!“, schreit der Tatzelwurm begeistert.

Trent schreckt auf und verschluckt sich an seiner Pizzaschnecke. „Was ist wer? Ich habe nur bis zum Gipfel zugehört.“, jammert Trent hustend.

„Das Mädchen, das wir in dieser Sauwetternacht vor 19 Jahren zur Welt gebracht haben! Gnädige Frau!“, wendet sich der Tatzelwurm an die Gemüsehändlerin: „Wann kommt dieser Zirkus?“

„Das Zelt steht schon seit gestern auf der Festwiese, Ma’am.“, antwortet die Katze in ihrer NPC-Rolle: „Er bleibt das ganze Wochenende. Mögt ihr den Zirkus? Dieser hier hat zwei Sängerinnen mit gewaltigen Stimmen – man kann sie hier in der Stadt hören, wenn sie im Zelt auftreten! Die ehrenwerte Mrs. Brown sagt, sie hört sie sogar am anderen Ende der Stadt in ihrem Kuhstall! Dabei sind die Leute von hier bestimmt nicht leise, wenn sie dahin gehen, das kann ich Ihnen sagen, sind sie gewiss nicht! Aber die hört sie nicht, die ehrenwerte Mrs. Brown, die nicht! Aber den Gesang. Und ich auch!“

„Diese Stimmen müssen der Nachwelt erhalten bleiben!“, beschließt der Tatzelwurm: „Mein Assistent und ich sind hier, um sie zu präservieren.“

Auch Trent hebt seine Flasche und zeigt einen erhobenen Daumen, hat aber den Mund zu voll, um zu sprechen.

In den nächsten zwei Stunden machen der Tatzelwurm und Trent Bessie Smith ausfindig, müssen aber erst an Ma Rainey vorbei. Die Kritische Katze verkörpert den Star der Show mit Leib und Seele und macht es den beiden Talent Scouts nicht leicht. Als nächstes muss Bessie Smith selber überzeugt werden, sich vom Phonographen aufnehmen zu lassen. Aber Bessie (ebenfalls glaubwürdig verkörpert von der Katze) ist schlecht gelaunt und außerdem noch nie auf die Idee gekommen, ein Popstar zu werden, der viele Platten verkauft – sowas gab es damals noch gar nicht.

Keine fünf Jahre vor Bessies Geburt hatte Emil Berliner zwar das Grammophon und die Schallplatte erfunden. Beides erlebte eine unglaubliche Verbreitung in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, aber tatsächlich besaßen anfangs nur wenige reiche Leute ein Grammophon.

Die Katze lässt Bessie sagen, dass sie nur automatische Klaviere kennt. „Ist in vielen Saloons the living end, aber ich mag lieber Saloons, in denen wirkliche Musik gemacht wird.“

Schließlich lässt sich die Bessie-Katze erweichen und singt etwas gehemmt in den Phonographen. Die erste Wachsrolle geht aber kaputt, weil die Spielleitung der Meinung ist, dass Trent den Saphirstift zu fest aufsetzt – was dieser natürlich empört von sich weist.

Die zweite Aufnahme gelingt, gibt Bessies Stimme aber verfremdet wieder. Der Tatzelwurm telegrafiert daraufhin mit der Columbia-Zentrale in Bridgeport, Connecticut, und fordert einen Schallplattenrekorder an. Der Rekorder trifft am Sonntag mit der Eisenbahn ein, aber das Ergebnis einer weiteren Aufnahmesession – eine gemeinsame mit Ma Rainey, weil die Katze als Ma Rainey darauf besteht – gefällt Bessie nicht, weil die Aufnahme ihrer Stimme bei weitem nicht gerecht wird. Ma Rainey ist aber sehr angetan; Trent hat daraufhin die Idee, Ma Rainey die entstandene Schellack-Schallplatte zu schenken. Tatzelohrwurm hält schließlich eine visionäre und flammende Rede über die Zukunft der Musikindustrie und malt den beiden Sängerinnen in den schillerndsten Farben ewigen Ruhm und ein Leben in Saus und Braus aus. Als er fertig ist, möchte Trent am liebsten sofort ein Museum für frühe Tonaufnahmetechnik besuchen. Der Tatzelwurm holt neue Radlerflaschen aus dem Kühlschrank.

„Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen“, beschließt die Katze das Spiel: „Der Zirkus zieht weiter und Bessie und Ma mit ihm. Ihr habt keine brauchbare Aufnahme, die ihr vorweisen könnt. Die Begegnung mit euch hat aber großen Eindruck bei ihnen hinterlassen. Nach einigen weiteren Jahren in gemeinsamen und auch getrennten Shows setzen sich Ma Rainey und Bessie Smith 1923 in einen Zug nach Chicago, um dort Schallplatten aufzunehmen. Alles Weitere ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Herzlichen Glückwunsch: ihr habt das Spiel so erfolgreich wie möglich bewältigt.“

Bessie Smith: Baby Won’t You Please Come Home

Jahr1923
LandUSA
GenreClassic Blues
Aha-MomenteBessie Smith wurde einer der ersten Popstars. In den zwanziger Jahren war sie die bestverdienende Frau in der Schallplattenbranche.
Sie spielte mit allen, die Rang und Namen hatten und beeinflusste unzählige Sängerinnen nach ihr.

Bessie Smith sang die schönste Musik der Welt: den Blues.

Leider wurde sie nur 45 Jahre alt. Sie starb auf grausame Weise in einem Autounfall.

Ihr damaliger Mann hatte weder Geld noch Energie, um ihr einen Grabstein aufzustellen. Also blieb das Grab der Kaiserin des Blues unmarkiert, bis ihr Fan Janis Joplin ihr endlich in den 1960ern einen Grabstein spendierte.

Bessie Smith würde heute 134 Jahre alt.
Hookline / Ohrwurm-MomentClarence Williams am Piano kommt noch aus der frühen Jazz-Tradition, in der das Piano noch kein Melodie-Instrument war, sondern die Rhythmussektion anführte und das oft nicht vorhandene Schlagzeug ersetzte. Seine Frau und er hatten äußerst visionäre Pläne, um schwarze Musikerinnen und Musiker zu fördern, er kannte W.C. Handy persönlich und hat die einzigen Aufnahmen geleitet, die Louis Armstrong und Sidney Bechet zusammen gemacht haben. Hier hält er sich sehr zurück und begleitet Bessie im besten Sinne – er setzt ein paar Akzente (z.B. den schönen Twinkle bei 2:12) und bleibt ansonsten immer ganz bei ihr. Den Rhythmus, die Stimmung, das Tempo – all das gibt Bessie Smith vor. Allerdings hat sie auch nichts, gegen das sie ansingen kann.

Der Tatzelwurm, die Katze und Trent wiegen sich im Takt von Bessies Gesang und bewegen sich dicht an dicht hinter einander durch den Raum.
Große Freude kommt jedesmal auf, wenn Bessie am Ende die Stimmung wendet, wenn sie singt: Baby please come home, cause I need money!
Visuelle HighlightsBessie Smith hat in einem einzigen Kinofilm mitgespielt, kommt da aber nicht gut zur Geltung, obwohl sie einen ihrer größten Hits singt. Ansonsten gibt es keine Filmaufnahmen von ihr.

Samantha Fox: Touch Me (I Want Your Body)

Jahr1986
LandUK
GenrePost-Disco Rock
Aha-Momente„Wisst ihr, wer auch früher Zelte gebaut hat, aber ganz andere?“, fragt Trent mit einem schmierigen Zwinkern: „Samantha Fox hat nämlich heute auch Geburtstag und wird 60.“
„Wo kommt das denn jetzt her?“, fragt der Tatzelwurm entsetzt.
„Geburtstage sind eben Geburtstage und nehmen keine Rücksicht darauf, welche Stimmung man sich wünscht.“, sagt Trent.
Der Tatzelwurm schaut hilfesuchend zur Kritischen Katze, aber die schlürft ihre Chai Latte mit einem rosafarbenen Strohhalm aus, zuckt dann mit den Schultern – und fängt an zu tanzen.
Hookline / Ohrwurm-MomentHard Rock Drums, Hard Rock Gitarren, rhythmisches Stöhnen und ein ganz dicker Synth-Überzug – „Man könnte meinen, dass das damals bewusst so überproduziert wurde, damit niemals wieder jemand auf die Idee kommt, Popmusik auf diese Weise zu machen.“, argwöhnt die Katze: „Aber als Zeitreise-Illusion funktioniert es perfekt.“
Visuelle HighlightsEin erfolgreiches Nacktmodel, seit sie 16 war, und eine der meistfotografierten Personen der 1980er wollte Samantha Fox 1986 endlich ernst genommen und die britische Madonna werden. Sie trägt zwar trotzdem am Po aufgerissene enge Jeans und wirkt ziemlich körperlich, aber immerhin konnte Samantha die schlimmsten Ideen ihres Managers/Vaters verhindern und sich als Popstar präsentieren, aber nicht im Bett räkelnd gefilmt werden.

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