Du und die Ewigkeit

Rechts neben der Küchenzeile gibt es ein Fenster in der Wohnung, die sich Tatzelohrwurm und die Kritische Katze teilen. Dieses Fenster blickt nach Osten und erlaubt die Sicht auf die kleinen Gärten hinter den Häusern auf der gleichen Straßenseite.

Beim Einzug hat die Katze einen rechteckigen Terracotta-Blumenkasten auf das innere Fensterbrett gestellt, den sie zusammen mit ihrer Schallplattensammlung aus ihrer früheren Wohnung mitgebracht hatte.

Normalerweise besucht die Katze diesen Blumenkasten regelmäßig, um ihn und die Erde darin anzufassen, die Temperatur zu messen oder etwas von der Erde ins Maul zu stecken und dann sehr konzentriert den Geschmack abzuwägen. Nachdem der Tatzelwurm ein paarmal gehört hat, wie die Katze am Blumenkasten scheinbar Selbstgespräche im Plauderton hielt oder leise Einschlaflieder sang, beschloss er, dass der Blumenkasten sich seinem Verständnis entzieht.

Heute ist die Katze aber sehr aufgeregt und der Blumenkasten steht ganz im Fokus ihrer Aufmerksamkeit: ein junger Trieb ist durch die Erde gebrochen und streckt sich nach oben. Die Katze hat den Trieb schon von allen Seiten fotografiert und lässt ihn nicht aus den Augen. „Schau doch nur: meine Schafgarbe ist wiedergekommen!“, ruft sie immer wieder verzückt.

Der Tatzelwurm findet die Begeisterung der Kritischen Katze irgendwie ansteckend und stellt eine Menge Fragen:

  • Wie groß wird die Pflanze? „Sie wird perfekt!“
  • Kommt sie im Sommer auf das äußere Fensterbrett? „Dann könnte ich sie nicht so gut sehen. Oder riechen!“
  • Hat sie einen Namen? „Wieso? Willst du ihren Personalausweis sehen?“

„Na, Ich dachte, man sollte vielleicht mit ihr sprechen.“ „Kannst du ruhig“, gestattet die Katze: „Dann solltest du sie mit „Du“ ansprechen und dabei zu ihr gehen und sie direkt anschauen. Sie mag es nicht, wenn man von Weitem nebenbei mit ihr spricht.“

„Kann ich sie Schafi nennen?“

„Natürlich kannst du – ich weiß nur nicht, wie sie dann über dich denkt.“

„Weißt du: ich freue mich auch, dass Schafi den Winter und den Umzug gut überstanden hat.“, sagt der Tatzelwurm: „Es ist doch beruhigend, dass die Natur noch funktioniert – zumindest in diesem Maßstab. Man hört und sieht jeden Tag so viel Schlechtes, wird pausenlos mit Untergangsszenarien konfrontiert und hat den Eindruck, dass die Welt ganz aus den Fugen geraten ist. Dagegen ist deine kleine Staude ein schönes Kontrastprogramm.“

„Sie ist ein Widerstandskämpfer!“, ereifert sich die Katze: „Und ich für meinen Teil habe nie an ihrer Rückkehr gezweifelt! Aber du hast schon recht: sie ist ein Symbol für das Gute und ein Vorbild für uns alle! Sie ist nicht machthungrig und vollständig desinteressiert daran, was die Nachwelt über sie sagen wird oder ob sie in Geschichtsbüchern vorkommen wird. Sie lügt nicht, sie hetzt niemanden auf und sie würde nicht durchdrehen, wenn sie in ihrem Kasten eine notleidende Pflanze aufnehmen könnte, die nirgendwo sonst unterkommt. Sie genießt gänzlich den Moment und das Leben, hängt nicht der Vergangenheit nach und hat auch keine Zukunftsängste. Davon sollten wir lernen, denn eine Weisheit der Kritischen Katzen besagt, dass längst noch nicht alles verloren ist, solange es noch irgendwo auf der Welt Kritische Katzen gibt – oder Drachen.“

Die Katze nimmt einen Schluck Wasser und schielt auf den Fenchel auf der Küchenarbeitsplatte. „Heute Risotto?“

Der Tatzelwurm nickt und fragt: „Ist Schafgarbe eigentlich genießbar?“

„Lass Schafi in Ruhe!“, zetert die Katze.

Bleachers: You and Forever

Jahr2026
LandUSA
GenreRock’n’Roll
Aha-MomenteJack Antonoff ist einer der erfolgreichsten Pop-Produzenten und Songwriter der Welt und hat mit den größten Namen im Business gearbeitet: Taylor Swift, Lana del Rey, Kendrick Lamar, P!nk und vielen anderen. Er gehört zu den nur vier Menschen, die alle vier Grammy-Kategorien gewonnen haben und feiert heute seinen 42. Geburtstag. Weil Jack auch selbst fantastisch Musik machen kann (er spielt Drums, Gitarren und Piano), hat er seit Jahren eine eigene Band, mit der er ebenfalls ziemlich erfolgreich ist, auch wenn der Name es nicht vermuten lässt: Bleachers sind die Holzbänke, auf denen die Zuschauerinnen und Zuschauer bei einer Sportveranstaltung im Freien sitzen.
Jack fühlt sich manchmal wie der Tatzelwurm: die schlechten Nachrichten verderben ihm die Laune. „Dann besinnt er sich eben darauf, was unverwüstlich ist“, erklärt die Katze: „Nämlich die Liebe – so abgedroschen das auch klingt, aber wie könnte man sie ausrotten? – und die Ewigkeit. Denn wir können vielleicht unseren eigenen Planeten kaputt machen, aber das Universum wird davon nichts mitbekommen. Wir würden uns nur selbst aus dem Spiel nehmen und die Chance verlieren, jemals die Föderation der Planeten anzuführen. Das wäre schade, aber auf kosmischer Ebene nicht weiter schlimm; es wird schon weitergehen – mit oder ohne uns! Und all das hat Jack in so wenige Worte fassen können: das ist wirklich große Pop-Kunst!“
Die Katze muss gleich wieder etwas trinken.
Hookline / Ohrwurm-MomentNach dem launigen „Wir seufzen Vokale“-Intro geht die Band ab etwa 1:40 Crescendo, kann das aber bei der „No Jesus Christ, no Roman gods„-Bridge nochmal steigern. Pop-Eskalation!
Visuelle HighlightsGanz offensichtlich hält Jack Antonoff seine Ehefrau, die Schauspielerin Margaret Qualley, für ein visuelles Highlight, denn ihre Präsenz macht den Hauptteil des Videos aus. Sie tanzt – zumeist in Unterwäsche – durch ihr Apartment oder albert mit dem Hund herum. Jack selbst läuft derweil orientierungslos wirkend durch die Straßen und gerät dabei in schmerzhafte Situationen, weil er entweder übersehen wird oder Aggressionen auf sich zieht – wie ein Straßenköter.
„Mein Paternalismus-Spinnensinn klingelt.“, raunt der Tatzelwurm: „Er geht raus und sie bleibt schön drinnen?“ „Nein, so ist das nicht gemeint.“, beruhigt die Katze: „Beides ist die Erzählperspektive und beides ist nicht der Idealzustand. Du kannst dich entweder dem ganzen Bullshit aussetzen oder dich zurückziehen, aber beides macht dich nicht glücklich. Deshalb hoffen wir ja, dass Jack am Ende vor der richtigen Tür steht…“

Antwort

  1. […] sie Schafis Fenster noch schnell geputzt hat, überlegt sie kurz, ob sie die Tischdecke bügeln soll, die nie benutzt […]

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