Olivenöl

Die Kritische Katze sah aus wie ein wandelndes Gebüsch, als sie vom Markt wiederkam, denn sie hatte Unmengen an Spinat eingekauft und hielt diesen in großen Papiertüten vor ihrem Gesicht, während volle Stoffbeutel an ihren Armen baumelten.

„Herrje!“, rief Tatzelohrwurm, als er die Wohnungstür öffnete: „Wie bist du so die Treppe hochgekommen?“

Heldenhaft!“, hatte die Katze entgegnet und sich durch die Tür gezwängt.

„Ha! Mein Held!“, hatte der Tatzelwurm gerufen und dabei die Augen zur Decke verdreht.

„Hmpf! Bin, was ich bin, und das is‘ alles, was ich bin.“, hatte die Katze geknurrt.

„Ach, der bist du?! Hat der nicht immer Dosenspinat gegessen?“, wollte der Tatzelwurm wissen, der die Anspielung sofort verstanden hatte.

„Barbarisch!“, hatte die Katze gekeucht, als sie ihre Einkäufe auf dem Tisch abgelegt hatte: „Aber vermutlich gab es in den 1930ern in den USA nicht überall frischen Spinat. Vor allem nicht auf See!“

Am Abend hat der Tatzelwurm einen Spinatrisotto zubereitet und dafür auch den pfälzischen Roséwein gut gebrauchen können, den die Katze mitgebracht hat.

Beim Essen fragt er beiläufig: „Schon mal Dosenspinat probiert?“

„Natürlich nicht!“, wehrt die Katze entsetzt ab: „Kultivierte Ernährung mit sorgfältig bereiteten Speisen aus erlesenen Zutaten ist es, was die Kritischen Katzen von den Tieren unterscheidet! Daher bin ich dir sehr verbunden für diesen leckeren Risotto.“

„Risotto mag ich auch sehr gerne und er hat noch etwas mit dir gemeinsam.“, sagt der Tatzelwurm: „In der Küche erzwingt er meine volle Aufmerksamkeit.“

Die Katze runzelt die Stirn, muss aber lächeln: „Das ist eine perfekte Überleitung zu unserer heutigen Geburtstagsfeier.“

Son House: Death Letter Blues

Jahr1968
LandUSA
GenreFolk Blues
Aha-Momente„Son House, der ja mal Prediger und weltlicher Musik gänzlich abgeneigt war, würde heute 124 Jahre alt und singt diesen Blues nicht; er predigt ihn mit lauter, eindringlicher Stimme, die Aufmerksamkeit erzwingt. Der Song klingt sehr kraftvoll und stampfend, trotz seines traurigen Themas. Dazu klopft er den Bass auf seiner National Duolian Resonator, als hätte er lieber eine Trommel zur Hand. Die Idee hinter einer Resonatorgitarre war es auch, die Lautstärke einer herkömmlichen hölzernen Gitarre zu übertreffen, als es noch keine elektrischen Gitarren gab. Son House ist dieser leichtgewichtigen Stahlgitarre mit dem metallischen bissigen Klang immer treu geblieben. Und er spielt dieses einfache, aber ohrwurmige Riff in ständiger Wiederholung, das wie der Großvater des Hard Rock wirkt und alleine schon erklärt, warum die White Stripes den Song später gecovert haben. Da die White Stripes nur zu zweit waren und Meg getrommelt hat, musste Jack die Spielweise von Son House imitieren und ebenfalls den Daumenbass so spielen – aber hey: Son House war noch nicht einmal zu zweit! Mit seiner Spielweise und der dringlichen Darbietung des typischen Call-and-Response-Schemas erzwingt auch er unausweichlich die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer:innen“, referiert die Kritische Katze aus dem Stehgreif.
Der Tatzelwurm ist auch ganz beeindruckt: „Was für ein trauriger Text! Er und die Frau, von der er sich nie geliebt fühlte, haben sich getrennt und nun ist sie tot. Wenn er singt: „Don’t care what you do“, dann meint er zwar eigentlich, dass er sich von der nun toten Frau getrennt hatte, weil sie seine Liebe nicht erwiderte, aber für mich hat es auch etwas von: „Ich mache hier mein Ding und mir ist egal, dass ich nicht klinge wie Charley Patton oder Leadbelly.“
Genau!“, freut sich die Katze: „Son House singt nicht schön, aber es ist trotzdem perfekt und ergreifend, weil er diesen Rhythmus einsetzt, mit dem er vermutlich auch seine Predigten gehalten hat. Und er sagt wie Popeye: So bin ich und ich mache das so. Das ist eigentlich Punk!“
Hookline / Ohrwurm-MomentDas eher einfach gehaltene Riff, zu dem kräftiger Daumenbass, harter Saitenanschlag und ein Slide-Akzent gehören, geht nicht mehr aus dem Ohr. Vielleicht liegt das auch an der Leidenschaft, mit der Son House den Rhythmus des Songs in die Welt hämmert.
„War er nicht das große Vorbild und Lehrer von Robert Johnson?“, fragt der Tatzelwurm. „Ja, Robert Johnson hat seine Seele nicht an den Teufel verkauft, aber von den Besten gelernt.“, weiß die Katze.
Visuelle HighlightsDas schlecht beleuchtete Amateurvideo zeigt den 66-jährigen Son House bei voller Intensität. Es gibt zwar auch eine farbige Aufnahme, an deren Ende der Meister außer Atem ist, aber diese ist die sensationellere.

Tini: Buenos Aires (live)

Jahr2024
LandArgentinien
GenreR&B
Aha-MomenteDer argentinische Superstar Tini wird heute 29 Jahre alt. Zu Tini gehören normalerweise südamerikanische Beats, „Tini, Tini, Tini“-Gesänge und dass man sie beim eindringlichen Singen atmen hört. Hier ist sie erst nur von einer Gitarre und später von stampfenden Beats begleitet und noch eindringlicher als üblich. „Wie Son House!“, ruft der Tatzelwurm begeistert. „Zum Verwechseln.“, stöhnt die Katze.
Hookline / Ohrwurm-MomentAyer llovió en Buenos Aires, mis lagrimas por la calle!“ singt der Tatzelwurm mit erstickter Stimme und findet, dass es Tini ähnlich geht: „Der Song über ihre Depression ist sehr schwierig für sie.“ „Na, hier hat Frau Stoessel ja genug Unterstützung!“, kommentiert die Katze mit entspannt hinter dem Kopf verschränkten Armen.
Visuelle Highlights„Wegen diesem Overkill an Emotion finde ich die Live-Version auch besser als das Musikvideo, in dem Tini ihr Popstar-Ich von ferne beobachtet.“, sagt der Tatzelwurm.
„Ich mag das strahlend weiße Mikro.“, schnurrt die Katze mit ganz schmalen Pupillen.

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