Die schönste Musik der Welt

Schon beim Frühstück war die Kritische Katze ganz aufgekratzt gewesen. Nachdem sie die Croissants und Brioches, die sie vom französischen Café mitgebracht, in einen Korb gelegt hatte, war sie über den frisch aufgebrühten Kaffee hergefallen, hatte ihr Gesicht in den aus ihrem Becher aufsteigenden Dampf gehalten und dramatisch aus dem Dampf heraus verkündet: „Heute feiern wir die schönste Musik der Welt!“

Der Tatzelohrwurm war unvorbereitet gewesen und musste raten. Immerhin wusste er natürlich, welche Musikrichtung die Katze für die schönste hielt.

„Welcher vom Blues besessene Mensch könnte denn heute Geburtstag haben?“, hatte er laut überlegt.

„Wer fällt dir denn als erstes ein, wenn du an Blues denkst?“, hatte der dampfende Becher gefragt, um das Spiel spannender zu machen.

„Muddy Waters?“, war die spontane Vermutung des Tatzelwurms gewesen.

Die Katze hatte überrascht ihren Becher zur Seite gestellt, aber ein beeindrucktes Gesicht gemacht.

„Na gut, wer fällt dir als zweites ein?“

„Elmore James? Memphis Minnie!“

„Weniger elektrisch!“, hatte die Katze nickend verneint und ein Brioche in ihren Kaffee getunkt.

„Robert Johnson!“, war dem Tatzelwurm noch eingefallen.

„Hinsichtlich des Geburtsjahres ganz nah dran!“, hatte die Katze aufgelöst, „der unglaubliche Lightnin‘ Hopkins würde heute 114 Jahre, wenn er noch unter uns wäre!“

Seit dem Frühstück haben die Katze und der Tatzelwurm nun viele alte Vinyl-Schallplatten aus der Sammlung der Kritischen Katze gehört und erst spät damit begonnen, nach Videos zu suchen.

Lightnin‘ Hopkins: Mojo Hand

Jahrca. 1962
LandUSA
GenreFolk Blues
Aha-Momente„Was für eine Sensation es gewesen sein muss, diesen Ausnahme-Entertainer live zu erleben!“, schwärmt der Tatzelwurm. Die Kritische Katze hat natürlich eine Antwort zwischen zwei VIdeodurchläufen: „Lightnin‘ Hopkins war ja wirklich Profi, denn er konnte auch zeitlebens als Musiker arbeiten: seit seinen Tagen als Teenager an der Seite von Blind Lemon Jefferson, von dem er sich ziemlich viel abgeschaut hat, bis seine Solo-Karriere im Zuge des Blues-Revivals in den 1960ern nochmal richtig durchstartete. Achte mal auf die Gesten, die Mimik, die Art ein Solo zu spielen! Der Mann ist die Blaupause für alle Rockstars, die nach ihm kamen.“
Hookline / Ohrwurm-MomentObwohl seine rechte Hand überall gleichzeitig ist, klingt Lightnin‘ Hopkins‘ tiefe Stimme immer total entspannt und erzählerisch, so als würde er sich die Geschichte mit dem magischen Keuschheitsgürtel gerade erst ausdenken.
Aber jedesmal, wenn ihm bei 1:46 dieser plötzliche Holler entfährt, flippt die Katze total aus. Beim dritten Videodurchlauf springt sie vorher schon auf die Rückenlehne der Couch und hollert von dort aus mit: „Cold ground was my bed last night!
Visuelle HighlightsSchon beim Hören hat sich der Tatzelwurm gefragt, wer da als Begleitung dabei ist. Aber Lightnin‘ Hopkins spielt Bass, Rhythmus und die stimmungsvollen Licks alle selbst, gleichzeitig auf einer Gitarre- hier ist der Beweis! In vielen Aufnahmen macht er auch noch Percussion dazu, indem er auf seinem Instrument herausklopft. Bei „Mojo Hand“ hält er sich damit ein wenig zurück (außer bei etwa 1:01 und 2:22).

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