Eine Frage von Leben und Tod

Die Pilze und das übrige gedämpfte Gemüse sind so gut wie fertig und der Tatzelwurm möchte gerade die Udon-Nudeln in der Soße schwenken, als die Kritische Katze in einem bodenlangen Gewand lautlos ins Ohrwurmzimmer gleitet. Sie sinkt elegant aufs Sofa, nimmt einen Schneidersitz ein und lässt den Blick prüfend durch den Raum wandern.

„Gleich gibt’s Essen, Katzi!“, ruft der Tatzelwurm von der Küchenzeile aus. „Möchtest du deine sonnenblumengelben Fiberglasstäbchen?“

„Je préfère qu’on m’appelle St. Amore!“, bemerkt die Katze herablassend. „Et oui!“

Der Tatzelwurm ist kurz irritiert. „Sankt…? Ach so! Wenn jeder von uns ein verdrehter Maestro sein darf, dann heiße ich heute: … Emostar!“ Den spontan erfundenen Namen ruft er laut und triumphierend. Der Blick der Katze wird deutlich milder, der Tatzelwurm glaubt ein Lächeln erahnen zu können.

„Warum hangeln wir uns eigentlich so rigoros an Geburtstagen von Musiker:innen entlang? Findest du das nicht etwas verkrampft? Auf Dauer vielleicht eintönig?“, fragt der Tatzelwurm unsicher.

„Wie kann es eintönig werden, wenn wir jeden Tag einen anderen Geburtstag, also eine andere Person feiern?“, fragt die Katze zurück. „Es gibt eine Redewendung bei den Kritischen Katzen, nämlich: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und dabei liegt die Betonung nicht auf: wie sie fallen, sondern auf: man soll feiern. Feste!“

Der Tatzelwurm wundert sich nicht zum ersten Mal darüber, dass die Plädoyers der Kritischen Katze ihn immer sprachlos zurücklassen. Er serviert das Essen.

„Außerdem sind Geburtstage immer ein guter Anlass für Kuchen!“, behauptet die Katze, während sie sich eine große Portion Nudeln aus der Schüssel nimmt.

„Man kann auch nicht jeden Tag Kuchen essen.“, seufzt der Tatzelwurm. „Ich hatte nur befürchtet, dass sich unsere tägliche Musikauswahl durch eine so strenge Spielregel weniger… nun ja, organisch anfühlen könnte.“

„Was könnte denn organischer sein als geboren zu werden?“, fragt die Katze rhetorisch mit vollem Maul. „Außerdem verstehe ich den Grund nicht.“

Der Tatzelwurm balanciert ein Brokkoli-Röschen mit seinen Stäbchen, auf dem er wiederum eine Morchel balanciert, und versucht, alles zu seinem Maul zu bringen. „Ich frage ja nur. Der Grund dafür ist, dass ich gerne ein Ritual finden möchte, das wir beide so unterhaltsam finden wie unsere früheren Reisen.“

Die Katze schaut gespielt erstaunt von ihrem Schüsselchen auf und spricht betont langsam: „Das weiß ich doch; ich verstehe aber nicht, warum du glaubst, dass ich nicht jeden Tag Kuchen essen kann. Sehe ich aus wie jemand, der nicht jeden Tag Kuchen essen kann?“

Die Katze ist schon satt. „Geht’s jetzt los?“, fragt sie ungeduldig. „Wenn es zu Stromaes 31. Geburtstag schon keinen Kuchen gibt, dann bitte auch nichts allzu Dramatisches!“

„Was hältst du von Ma Meilleure Ennemie?“, möchte der Tatzelwurm wissen. „Und anschließend klären wir endlich, ob Jinx tot ist oder nicht.“

„Aw, das ist sooo pathetisch!“, protestiert die Katze „Das und Fils de Joie fallen bitte weg. Und auch Alors on Danse und Papaoutai, weil wir die schon zu oft gehört haben. Über Jinx können wir irgendwann auch nochmal reden. Es spielt nämlich keine Rolle, ob sie tot ist. Wichtig ist, dass sie es durchaus sein könnte, dass ihr das bewusst war und dass Vi lebt.“ Die Katze mustert den Tatzelwurm eindringlich. „Außerdem ist wichtig, dass Jinx eine fiktive Figur ist. Verstehst du?“

Natürlich trifft die Katze anschließend die real perfekte Wahl:

Stromae: L’enfer

Jahr2022
LandBelgien
GenreR&B
Aha-MomentStromae macht es sich und dem Publikum nie ganz leicht; die Musik klingt nur dann leicht, wenn das Thema schwer ist – so wie hier. Stromaes Stimme ist auch hier gefasst, aber schmerzdurchdrungen, während der Hintergrundchor einen fröhlich klingenden Gegensatz darstellt.
Hookline / Ohrwurm-MomentYa-ya! Ya-ya-ya!“ singen die Katze und der Tatzelwurm laut, während sie sich an den Schultern gefasst im Takt auf der Couch hin- und herwiegen. Immer wenn der Tatzelwurm besonders begeistert „Ya-ya!“ skandiert, wirft die Katze ihm eine Pfote voll Studentenfutter ins Maul. Der Tatzelwurm verschluckt sich dann mitunter und findet, dass dieses Stromae-typische Chanson auf Hip Hop-Beats dadurch stellenweise unnötig dramatisch wird.
Visuelle HighlightsDer unbarmherzige Zoom nach außen, der Stromae immer kleiner werden lässt, ist der Kritischen Katze beim vierten Durchgang auch zu dramatisch, aber sie freut sich über Stromaes gequälte Schauspielerei, die der Schärfe des Themas ein paar Scoville nimmt. Daran ist Stromae wohl gelegen, denn einen ähnlichen Effekt hatte seine bekannte pseudo-spontane Performance des Songs während eines entspannten TV-Interviews für TF1.

Antwort

  1. […] wiederholt die Katze: „Gebacken habe ich! An Geburtstagen sollte es Torte geben, wie ich bereits sagte. Chai-Biscuitböden und Chai-Frosting nach altem traditionellem Geheimrezept, das nur unter […]

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